Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Gerhard Richter: Der unsichere Blick

Da geht „Ema“ (1966), Richters damalige Frau, in die Ewigkeit ein.
Da geht „Ema“ (1966), Richters damalige Frau, in die Ewigkeit ein.(c) Gerhard Richter 2017 (221116)
  • Drucken

Zu seinem 85er gönnt sich der teuerste lebende Maler ein paar Ausstellungen. Die in Prag ist ihm eine Herzensangelegenheit.

„Ich sammle keine Fotos, sondern Malerei.“ Mit diesen Worten katapultierte sich 1967 der damalige Direktor der Berliner Nationalgalerie, Werner Haftmann, als Spottfigur in die Kunstgeschichte. Er hatte gerade eines der – rückblickend gesehen – Hauptwerke eines jungen Malers abgelehnt, der gerade aus der DDR in den Westen gezogen war, kurz vor dem Mauerbau, Gerhard Richter war sein Name.

„Ema“ zeigt eine nackte blonde Frau, die die Treppen heruntergeht, fotorealistisch gemalt, aber verfremdet, verschwommen, wie durch Milchglas gesehen. Es ist das erste Gemälde, das Richter nach einem von ihm selbst geschossenen Foto schuf. Es ist eines seiner persönlichsten Bilder, zeigt es doch seine damalige Frau, die gerade schwanger war (was man nicht erkennt).

 

Unheimliche Unsummen

Ein weiblicher, blonder Akt konnte in den konzeptuellen 1960er-Jahren allerdings als Affront gelesen werden. Das Treppenmotiv wies noch dazu eindeutig auf Marcel Duchamps berühmten „Akt, eine Treppen heruntergehend“ hin, mit dem dieser ab 1912 die traditionelle Malerei (für sich selbst zumindest) als beendet sah. Gerhard Richter aber malt immer noch. Auch jetzt, mit 85, soll er jeden Tag noch in sein Atelier in Köln gehen. Eine mythische deutsche Künstlergestalt, die nichts mehr hasst, als über ihre Kunst zu sprechen. Braucht er auch nicht mehr, sie wird trotzdem gekauft. Und zwar um Unsummen, die ihm selbst unheimlich sind, wie er in einem der seltenen Interviews zugab.

Seit Jahrzehnten gilt er als teuerster lebender Maler. 2015 wurde in London eines seiner „Abstrakten Bilder“ um den Rekordpreis von 41 Millionen Euro versteigert, ein Rekord nicht nur für ihn, auch für die zeitgenössische Malerei. Man möchte sich nicht vorstellen, wie viel „Ema“ erzielen würde. Die mittlerweile hinter Panzerglas im Kölner Ludwig-Museum hängt; der Kölner Pop-Art-Sammler Peter Ludwig hat sich das Bild nach dessen erster (und wohl letzter) Schmähung hurtig gesichert. Es ist heute eine der Ikonen des Museums hinter dem Kölner Dom, wo Richter zu seinem heurigen 85. Geburtstag seine „Neuen Bilder“, so der Ausstellungstitel, zeigt.

Er zeigt. Und der museale Platz wird ihm natürlich gegeben. Durch den Kunstmarkt-Hype haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt, die Museen sind außerstande, sich Werke von Malern wie Richter zu leisten. Sie sind auf Schenkungen der Künstler angewiesen, die sich natürlich dementsprechend hofieren lassen, ob gewollt oder ungewollt, zu Recht oder Unrecht, man ist sich da nicht mehr so sicher – siehe die Geschichte des unglücklichen Direktors der Berliner Nationalgalerie. So erklären sich viele große Retrospektiven und Ausstellungen der immer selben Künstler in vielen Moderne-Museen, etwa auch der Wiener Albertina. Denen dann zumindest großzügige Schenkungen folgen.

Auch Richter schenkte, dem Ludwig-Museum einen großformatigen, verschieden grau schattierten Doppelspiegel, in dem sich der Betrachter erkennt, als wäre er in ein Richter-Bild gebeamt worden, grau in grau, wie Richter es gern mit historischen Fotos handhabt, ähnlich verschwommen.

 

Was liegt unter der Farbe?

Im Mittelpunkt aber stehen 26 unterschiedlich große, sehr bunte, sehr abstrakte Bilder von 2015/16. Isoliert könnte man mit ihnen wenig anfangen, außer ihnen dekorativen Wert zuzuschreiben, sie sind aufwendig Schicht über Schicht gespachtelt, verwischt, gerakelt, also mit einem Abstreifholz überarbeitet. Anders als Richters frühere abstrakte Bilder, die immer schon parallel zu den gegenständlichen entstanden, aber nicht mit großer Gestik ausgeführt, sondern mit extrem kleinteiliger, die Struktur aus Löchern und Schlieren und Strichen ist wahnsinnig dicht.

Es ist die Information, dass hinter diesen Farbschichten ein Bild liegt bzw. liegen könnte, dessen Zugang, dessen „einfache Interpretation“, einem dadurch verwehrt wird, ein Thema, um das es bei Richter immer geht, und wie es auch bei seinem jüngsten Aufreger war, dem Birkenau-Zyklus, für den er die einzigen historischen Fotos aus dem KZ Birkenau übermalte. Die Serie ist übrigens seit gestern in der Prager Nationalgalerie zu sehen, als Teil der ersten Richter-Retrospektive in Osteuropa – für den 1932 in Dresden geborenen Richter eine, wie er zur Eröffnung sagte, „Herzensangelegenheit“.

Richter-Ausstellungen zum 85. Geburtstag: Museum Ludwig Köln, „Neue Bilder“, bis 1. Mai. Das Museum Folkwang zeigt die Editionen bis 30. Juli. Das Kunstmuseum Bonn das Frühwerk von 15. 6. bis 1. 10. Die Prager Nationalgalerie eine Retrospektive bis 3. 9.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2017)