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Die Todgeweihten bis zum Ende begleiten

Welchem Menschen, der sich hingegeben hat, verdanke ich innere Kräfte – Herzkraft und Charakter?

Der letzte Güterwaggon löst sich vom Zug, rollt langsam aus und bleibt mitten im Grünen stehen. Das große Tor öffnet sich und in Zeitlupe springen Kinder heraus, dann ein alter Mann, laufen über die Wiese hinaus ins Nichts. Das Bild löst sich in Nebel auf. So endet der Film „Korczak“ von Andrzej Wajda.

In Wahrheit landeten die 200 jüdischen Waisenkinder in den Gaskammern von Treblinka. Zusammen mit ihrem „Doktor“, Janusz Korczak. Der Kinderarzt setzte sich vor allem für verwahrloste Kinder ein. Seine pädagogischen Leitlinien schrieb er in täglichen pädagogischen Skizzen und Kinderbüchern nieder. Schließlich übernahm er ein jüdisches Waisenhaus, in dem er seine Ideen umsetzte.

Im Kinderparlament durften die Schützlinge Verantwortung übernehmen, beteiligten sich bei Diensten im Haus – von der Wäsche bis zur Betreuung der Schwächeren. Er sah im Kind einen vollwertigen Menschen, noch frei von den Zwängen der Gesellschaft. Die Erzieher, schrieb Korczak, hätten die Aufgabe, sich in das Kind einzufühlen und ihm zu ermöglichen, seine Fantasie und Kräfte in der Natur zu entfalten.

Kindheit sei die wichtigste Zeit, in der der Mensch noch er selbst sei. Korczak lebte mit den Kindern, er hatte eine besondere Zuneigung zu den Schwachen. Und er liebte das Kleine: Auf seinem Schreibtisch stand ein Milchkännchen für die Maus. Seine pädagogischen Reformen beeindruckten viele, auch wenn sie sie nur aus Korczaks Kinderbüchern kannten.

Und ein anderes Schriftwort sagt: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“

Joh 19,37

1940 wurde er zusammen mit jüdischen Bewohnern und mit seinen Kindern ins Warschauer Ghetto umgesiedelt. Zwei Jahre später wurde sein Waisenhaus evakuiert. Er sagte seinen Schützlingen, sie würden aufs Land fahren, sie sollten sich schön anziehen.

Froh gestimmt gingen die Kinder zum Bahnhof, sangen, ein Bub spielte Geige. Korczak allen voran, mit zwei Kindern im Arm. So zog die Kinderschar mit ihrem Vater ohne Angst zum „Ausflug“. Auf dem Bahnhof gab es Versuche, den Arzt zu retten. Man hatte ihm einen Schweizer Pass beschafft und wollte ihn zurückhalten.

Der Platzkommandant erfuhr, dass Korczak im Zug war und wollte ihn aussteigen lassen. „Ich habe Ihr Buch gelesen, als ich noch klein war. Ein gutes Buch.“ Doch Korczak wollte seine Kinder bis zum Ende begleiten. Der Film „Korczak“ ist sehenswert für alle, die das Vorbild eines gerechten Menschen suchen. Auch die Ideen für Erziehung, die Korczak notiert hat, sind aktuell.

Heute auf diesen Mann zu schauen, der mit seinen Kindern in den Gaskammern ermordet wurde, setzt in unserem Innersten Kräfte frei. Wir werden mutig, treu, fähig zur Partnerschaft, sind Vorbild und lernen von den Kindern. Auch von Korczak gilt wie für Jesus das Schriftwort: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ Welchem Menschen, der sich hingegeben hat, verdanke ich innere Kräfte – Herzkraft und Charakter?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.  debatte@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2017)