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Culture Clash

Kopftuchgate

Hat der Präsident recht, wenn er Solidarität mit angefeindeten Kopftuchträgerinnen einmahnt? Die Sache ist jedenfalls komplizierter, als er oder seine Kritiker es darstellen.

Als der Bundespräsident kürzlich auf Übergriffe gegen Kopftuchträgerinnen angesprochen wurde, hat er gesagt: „Bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“ Und die Aufregung ist groß. Unnötig groß.

Van der Bellen bezog sich ja darauf, dass „die Dänen während der deutschen Besatzung doch etwas Ähnliches gemacht“ hätten – „nicht-jüdische Dänen haben angefangen, den David-Stern zu tragen“. Diese Geschichte ist leider eine Legende: Da die Dänen autonom blieben, haben sie den Judenstern gar nicht eingeführt. Aber sie haben 1943, vor einer Großrazzia der Gestapo, in einer einzigartigen Aktion fast alle ihrer 8000 jüdischen Mitbürger bei Nacht und Nebel nach Schweden in Sicherheit gebracht. In Frankreich und Belgien soll es nach Einführung des Judensterns tatsächlich dazu gekommen sein, dass Nichtjuden den Stern oder zumindest gelbe Kleidung trugen. Alles Gesten der Solidarität – und Heldentaten des europäischen Geistes.

Van der Bellens Sager ist ein gutes Beispiel dafür, wie diametral entgegengesetzt die Sichtweisen auf die Kopftuchträgerinnen sind: Der Präsident sieht sie als Minderheit, die Übergriffen seitens der Mehrheit ausgesetzt ist und daher die Solidarität der Zivilgesellschaft braucht (und nur die hat er angesprochen und nicht etwa eine staatliche Kopftuchpflicht angeregt). Für seine scharfen Kritiker steht hingegen hinter jeder Kopftuchträgerin ein Islamisierer, dem Widerstand zu leisten ist.

Die Van der Bellensche Parallele zwischen Islamophobie und dem Antisemitismus des 20. Jahrhunderts hat ihre Berechtigung, aber auch ihre Grenzen. Beiden gemein ist die Vorstellung einer Minderheit, die die Mehrheit heimtückisch unterwerfen will. Dazu kommt die Verachtung – und die Lust zu demütigen. In der Auseinandersetzung mit dem Islam gibt es allerdings einen rationalen Kern: die real existierende Unterdrückung der Frauen, die schon auch mit dem Kopftuch zu tun hat. Dazu jene islamischen Denktraditionen, die eine gewaltsame Unterwerfung der Welt als Pflicht sehen. Und das Judentum war zahlenmäßig nie stark genug, um in europäischen Großstädten tonangebend zu werden, die Muslime könnten es werden.

Dieses Konfliktpotenzial ist real. Es verlangt nach kluger und besonnener, aber auch realistischer Politik. Die hyperventilierende Einseitigkeit, die sich rund um Van der Bellens Kopftuchgate manifestiert, ist da wenig verheißungsvoll.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2017)