Ort der Kraft, aber diesmal wortwörtlich

Am Fuß der Wehr kommt das Wasser aus dem Turbinengang wieder an die Oberfläche.
Am Fuß der Wehr kommt das Wasser aus dem Turbinengang wieder an die Oberfläche.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es gab Zeiten, da versorgte das Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug das halbe Land mit Energie. Heute versucht der Betreiber Verbund, dem Produkt Strom im Rahmen von geführten Touren so etwas wie ein Gesicht zu geben. Erfolgreich.

Der Strom kommt aus der Steckdose. Und das in Österreich so verlässlich wie kaum wo anders auf der Welt. Durchschnittlich 24 Minuten pro Jahr ist man hierzulande ohne elektrische Energie. Eine Dauer, die den meisten in Wahrheit auch nur dann auffällt, wenn man genau während dieser Zeit den chronisch leeren Akku seines Smartphones laden muss. Aber sonst?

Das Produkt Strom, mit dem man sich seit einigen Jahren schon beliefern lassen kann, von wem man will, weckt kaum Emotionen. Es ist unsichtbar, geruchlos, verlässlich. Und solange es nicht um den Bau von Kernkraftwerken nahe der Grenze oder Hochspannungsleitungen in der Nachbarschaft geht, ist eigentlich alles gut.

Wer sich allerdings für Hintergründe rund um die universell einsetzbare und genau genommen billige Energie aus dem Kupferkabel interessiert, der kann diese im Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug im Rahmen von geführten Besuchertouren erleben.

Blick in 3D. Zwischen Anfang April und Ende Oktober sind die riesigen Maschinen und die energiegeladene Atmosphäre hautnah und unter der Anleitung sachkundiger Guides zu erleben, denen man gar nicht so viele Löcher in den Bauch fragen kann, wie sie Antworten haben.

Seit diesem Jahr garniert der Betreiber und Eigentümer der Anlage, der Verbund, die knapp zweistündige Tour sogar mit Virtual Reality. Das System befindet sich derzeit in der Testphase, weshalb die dafür notwendigen Spezialbrillen und Smartphones noch kostenlos verliehen werden. Wer eine eigene 3D-Ausrüstung besitzt, braucht überhaupt nur die gratis zum Download bereitstehende App „Besucherkraftwerk in 3D“. Was das bringt?

Wer beispielsweise im riesigen südlichen Krafthaus auf dem Laufgang oberhalb der wummernden Generatoren steht, kann dort mit Hilfe der Virtual Reality-Technologie einen dreidimensionalen Blick ins Innere der hunderte Tonnen schweren Maschinen tun, diese regelrecht und über alle Achsen des Raums umkreisen, sich weitere Informationen zur Stromgewinnung oder Kenndaten ins Sichtfeld einspeisen lassen. Eine zeitgemäße Spielerei zur Wissensvermittlung, die sich wohl auch in Museen und im Rahmen anderer Attraktionen künftig vermehrt durchsetzen wird.

Genauso wie die Mittel zur Besucherinformation verändert sich jedoch derzeit auch das Kraftwerk selbst. Ybbs-Persenbeug liefert seit 1957 Strom. Sechs der sieben riesigen Generatoren samt Turbinen sind seit damals weitgehend unverändert im Einsatz. Der Schaltwarte, die inzwischen wegen der zentralen Steuerung aller neun Donaukraftwerke von Wien aus nur noch als Backup dient, sieht man das auch an. Zwar funktionieren die Maschinen bis heute tadellos, allerdings erhofft sich der Verbund im Rahmen der laufenden Generalüberholung eine Effizienz-, und damit Leistungssteigerung der Anlage von bis zu zehn Prozent.

Angeordnet hat den Bau des Kraftwerks 1938 der führende Nationalsozialist und Luftwaffenchef Hermann Göring. Bei den Arbeiten während des Krieges wurden über 1000 Zwangsarbeiter eingesetzt. Nachdem der Bau von Ybbs-Persenbeug nach einer langen Pause schließlich abgeschlossen war, lieferte das Kraftwerk Ende der 1960er Jahre die Hälfte des in Österreich benötigten Stroms.

43.000 PS. Seit damals hat sich viel verändert. Gemeinsam mit allen anderen Donaukraftwerken reicht es heute nämlich nur mehr für die Abdeckung eines Fünftels des enorm gestiegenen Energiebedarfs. Zudem sind die moderneren Anlagen in Wien-Freudenau oder Altenwörth deutlich leistungsstärker.

Doch die Muskeln des Dinosauriers unter den Donaukraftwerken, und das ist Ybbs-Persenbeug altersmäßig definitiv, sind immer noch beeindruckend. Wie stark die Kraft des Wassers sein muss, kann man jedoch auch im Rahmen der Kraftwerksführung nur erahnen. Etwa in Form des kaum spürbaren Vibrierens des massiven Betonbaus. Oder beim Anblick einer der ausgebauten und derzeit entlang der Ybbser Donaulände ausgestellten Kaplan-Turbinen.

Die über 100 Tonnen schweren Stahlkolosse sind nach dem österreichischen Erfinder Viktor Kaplan benannt. Um so ein Monstrum und den angehängten Generator überhaupt anzutreiben, müssen – im Fall Ybbs-Persenbeug – pro Sekunde 350.000 Liter Wasser mehrere Meter tief auf die verstellbaren Turbinenblätter fallen. Die abgegebene Leistung so einer Maschine entspricht im Normalbetrieb umgerechnet 43.300 PS.

Dabei hat die Tour durch die Innereien dieser Energiefabrik mehr zu bieten als Stahl, Beton und Zahlen. Schon am Eingang können Besucher selbst buchstäblich erfahren, wie viel Energie wir im Alltag verbrauchen. Wer dort nämlich auf dem Ergometer 1000 Watt tritt, und das eine Stunde lang schaffen sollte, der überflügelt damit nicht nur die besten Radfahrer der Welt bei weitem, sondern bekäme gerade einmal 20 Cent dafür. So hoch ist in etwa der Preis für eine Kilowattstunde Strom.

Wie viel Energie welche Geräte, Unternehmen oder Haushalte verbrauchen, zeigt eine aufwendige Schalttafel. Und im Kabelboden des Krafthaus kann man sogar das Öl riechen, das die von den Generatoren wegführenden Hochspannungskabel von der Außenwelt isoliert.

Wer es bei den Führungen ruhiger will, besucht das Kraftwerk am besten jetzt im Frühling oder später im Herbst. Während der Sommermonate kann es – Preis für Erwachsene: 7 Euro – auch einmal eng werden. Mehr Informationen zu Anzahl und Zeitpunkt der Führungen unter: www.verbund.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2017)