Unplugged

Im Gletschertempo zur Zinswende

Nationalbank-Chef Ewald Nowotny spricht heute, Dienstag, über Negativzinsen an der Wirtschaftsuni.
Nationalbank-Chef Ewald Nowotny spricht heute, Dienstag, über Negativzinsen an der Wirtschaftsuni.(c) APA/HERBERT NEUBAUER
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Die Politik des billigen Geldes funktioniere, so OeNB-Chef Ewald Nowotny. Für einen Zinsschritt sei es noch zu früh. Zuerst müsse das Anleihen-Kaufprogramm auslaufen.

Wien. Krieg ums Bargeld. Negative Zinsen. Lockeres Geld. Angst vor Inflation. Es ist nie einfach, als Notenbankchef vor das traditionell skeptische österreichische Publikum zu treten. Aber wenn Ewald Nowotny am heutigen Dienstag in der Wiener Wirtschaftsuni gemeinsam mit Vizerektor Stefan Pichler auftritt, hat er Rückenwind mitgebracht: Die Wirtschaftsdaten in Europa waren schon lange nicht mehr so gut.

Die Zuversicht ist zurück, die Deflationsgefahr gebannt. Auch in Österreich zeigt der Trend für die Wirtschaft nach oben und der für die Arbeitslosenrate nach unten. Was schon zur Frage der Stunde führt: Wenn die Daten bereits so gut sind – wie lange kann das Geld dann noch so billig bleiben? Wann kommt sie, die Zinswende?

Nowotny bremst. „Angesichts der doch erheblichen Unsicherheiten in Bezug auf die Wirtschaftslage haben wir bei der Zinssitzung am vergangenen Donnerstag beschlossen, dass es zu keiner Änderung kommt“, sagt der Nationalbank-Gouverneur im Gespräch mit der „Presse“. „Wir“, das sind die Chefs der europäischen Zentralbanken. „Zinsen“ sind jene seit geraumer Zeit verschwundenen Wesen, die den Preis des Geldes diktieren. Die Vorsicht der EZB kommt nicht von ungefähr: 2011 hat man die Zinsen zu früh angehoben und damit einen Fehler begangen, den man nicht wiederholen möchte.

Deswegen bewegt sich die europäische Geldpolitik nur noch in Gletschergeschwindigkeit. Und dennoch: Große Entscheidungen stehen an. „Wir werden bei der Sitzung im Juni die weitere Strategie zu besprechen haben, die Strategie für den Beginn des Jahres 2018“, so Nowotny. Diese Jahreswende wird deswegen so wichtig, weil die EZB dann ihr Liquiditätsprogramm (Quantitative Easing) einstellen will. Aktuell pumpt man noch 60 Mrd. Euro pro Monat in Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Solange dies geschieht, kann von einer Anhebung der Zinsen über den Nullpunkt keine Rede sein. Nowotny selbst war bei der Einführung des Programms ein Kritiker. Das war wohl auch der großen Skepsis der Österreicher geschuldet, die eine lockere Geldpolitik ungefähr so zu schätzen weiß wie die Italiener einen „Espresso“ aus der Alukapsel.

„Billiges Geld – teure Folgen?“

Inzwischen gibt sich der Notenbankchef geläutert und erleichtert: „Es ist eindeutig, dass das Programm ein Erfolg war und ist. Aber auf der anderen Seite ist es auch eindeutig, dass es nicht zur Dauereinrichtung werden darf. Das sieht man auch an den USA, die den Exit begonnen haben. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.“ Tatsächlich wurde das monatliche Volumen der Ankäufe schon reduziert – von 80 auf 60 Mrd.

Nimmt man die USA als Vorbild, wäre die Beendigung des Anleihenprogramms der nächste Schritt – etwa Anfang 2018, wenn nichts dazwischen kommt. Dann wäre der Weg frei für eine Zinserhöhung, mit der man sich in Washington aber sehr viel Zeit gelassen hat. Derzeit gehen die meisten Ökonomen davon aus, dass dieser Schritt in Europa frühestens Ende 2018 gegangen wird. Aktuell ist aber noch nicht mal das Ende von QE gesichert. Die EZB behält sich vor, das Programm im Notfall sogar zu verlängern.

Was das bedeutet? Vor allem angesichts der Hauptfrage der Veranstaltung am Dienstag: „Billiges Geld – teure Folgen? „Wie jede Maßnahme hat es Vorteile und Nachteile. Ich bin der Meinung, dass die Vorteile nach jetzigem Stand überwiegen, aber je länger so ein Programm andauert, desto eher muss man sich überlegen, was die Folgen sind“, so OeNB-Chef Ewald Nowotny. (jil)

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Wirtschaft Wissenschaft Unplugged.

Am 2. Mai debattieren Nationalbank-Chef Ewald Nowotny und WU-Vizerektor Stefan Pichler die Frage „Phänomen Negativzinsen: Billiges Geld mit teuren Folgen?“. Moderator ist „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak. Die Veranstaltung findet ab 18 Uhr auf dem WU-Campus (Gebäude LC, Festsaal 1) statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter:

http://wu.ac.at/wumattersText.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2017)

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