Das Kreuz mit dem Kreuz

Die Botschaft vom gekreuzigten Gott ist und bleibt ein religiöses und philosophisches Skandalon.

In meinem Arbeitszimmer hängt ein Kreuz – und das, obwohl ich reformiert bin. Es ist ein persönliches Erinnerungsstück, Teil meiner Lebensgeschichte, Gegenstand der Meditation, Hinweis auf den Grund meines Glaubens, Zeichen des Trostes und der Hoffnung.

In reformierten Kirchen gibt es üblicherweise kein Kreuz, schon gar kein Kruzifix, also ein Kreuz mit dem Corpus Christi. Kruzifixe stehen in der Gefahr, gegen das alttestamentliche Bilderverbot zu verstoßen, das die reformierte Tradition im Unterschied zur lutherischen und katholischen nicht aus dem Dekalog gestrichen hat. Das Hugenottenkreuz mit Taube, das manche Reformierte tragen, stellt nicht das Kreuz Jesu dar, sondern die geteilten Flammen über den Häuptern der Jünger aus der Pfingstgeschichte. Es ist also ein Symbol des Heiligen Geistes.

Wenn man bedenkt, wie viele Menschen gedankenlos ein Kreuz als Maskottchen oder auch als bloßes modisches Accessoire tragen, wenn man sich die fragwürdigen und auch geschmacklosen Seiten des Devotionalienhandels in katholischen Wallfahrtsorten vor Augen hält, bei denen Glaube und Aberglaube bisweilen schwer auseinanderzuhalten sind, wenn man schließlich an den politischen Missbrauch des Kreuzes in Geschichte und Gegenwart denkt, bis hin zu jenem unsäglichen Wahlkampfauftritt von H.-C. Strache, der mit einem Holzkreuz in der Hand ausländer- und islamfeindliche Parolen ausstieß, dann versteht man vielleicht, warum die reformierte Kirche auch im Umgang mit dem Kreuz so zurückhaltend ist.

 

Türen zur Freiheit geöffnet

Das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der Kreuze in italienischen Schulen als Verstoß gegen die Religionsfreiheit verurteilt hat, stößt in Italien keineswegs nur bei Atheisten oder Nichtchristen auf Zustimmung. Auch die protestantischen Minderheiten Italiens haben das Kruzifix-Urteil begrüßt.

Domenico Maselli, Präsident der Vereinigung Evangelischer Christen Italiens (FCEI), erklärte, das Kruzifix-Verbot in italienischen Schulzimmern diene der Religionsfreiheit. Wer behaupte, damit würden die christlichen Wurzeln Europas verleugnet, verkenne das große Verdienst des Christentums, allen Menschen die Türen zur Freiheit geöffnet zu haben. Die Moderatorin der reformierten Waldenserkirche, Maria Bonafede, äußerte sich: „Dieser Gerichtsentscheid wahrt die Rechte aller: jener, die glauben, jener, die anders glauben, und jener, die nicht glauben.“ Von der lutherischen Kirche wird darauf hingewiesen, der öffentliche Raum sei nicht der Ort, um religiöse Vormachtsansprüche zu erheben. Und Paolo Ricca, waldensischer Theologieprofessor in Rom, schreibt, im multireligiösen Umfeld müsste ein Kruzifix-Verbot nicht nur in Klassenzimmern, sondern auch in öffentlichen Verwaltungsbüros und Gerichten durchgesetzt werden.

Vor allem Vertreter der katholischen Kirche verteidigen das Kreuz in öffentlichen Räumen als Symbol italienischer Kultur und nationaler Identität. Unausgesprochen steht hinter dem Protest die kurzschlüssige Gleichsetzung von christlich und katholisch. Die Präsidentin der italienischen Baptisten, Anna Maffei, hält dagegen: „Den gekreuzigten Christus wie ein nationales Symbol zu verteidigen bedeute, den christlichen Glauben zu verdrehen.“ Ähnlich äußerten sich die Siebenten-Tags-Adventisten.

Allerdings lebt der weltanschaulich neutrale Staat von Voraussetzungen, die er weder schaffen noch garantieren kann. Zu ihnen leisten die christlichen Kirchen und die übrigen Religionsgemeinschaften einen wichtigen Beitrag. Eine religionsfeindliche Gesellschaft ist keineswegs humaner oder toleranter als eine Gesellschaft, die den Religionen ihren Platz im öffentlichen Leben, auch in den Schulen, einräumt und ihre Mitwirkung am Gemeinwohl ausdrücklich fordert und fördert. Die diktatorischen Verhältnisse in den einstigen Staaten des real existierenden Sozialismus sollten uns eines Besseren belehrt haben.

 

Fragwürdige Synthese

Wer jedoch das Kreuz zum europäischen „Kulturlogo“ erklärt, redet einer fragwürdigen Synthese von Christentum und Kultur das Wort. Sie ist in doppelter Hinsicht problematisch. Ebenso wie Kultur, Gesellschaft und Staat vor einer Klerikalisierung zu schützen sind, so ist auch der christliche Glaube gegen seinen ideologischen und politischen Missbrauch zu verteidigen.

Wer am Kreuz Anstoß nimmt, hat möglicherweise mehr von der Anstößigkeit der christlichen Botschaft verstanden als so mancher „Kulturchrist“. Eine der tiefsinnigsten Meditationen über den Gekreuzigten, die in letzter Zeit zu lesen war und völlig zu Unrecht für einen Skandal sorgte, stammte nicht etwa aus christlicher Feder, sondern von Navid Kermani, einem Moslem. Wer empört darauf reagiert, dass Menschen sich vom Kreuz abgestoßen fühlen, der lese bei Paulus im 1.Korintherbrief nach, warum die Botschaft vom gekreuzigten Gott ein religiöses und philosophisches Skandalon ist und bleiben muss.

 

Ulrich Körtner ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.


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