Quelle Österreich gibt nach 50 Jahren auf und wird die Insolvenz beantragen. Die Arcandor-Pleite sprengt alle bisher gekannten Dimensionen.
WIEN(cim/ag.). Die allerletzten Möglichkeiten zur Rettung seien ausgeschöpft, man habe bis zum Schluss intensiv nach Überlebenschancen gesucht – vergebens. Wolfgang Binder, Vorstandschef von Quelle Österreich, bestätigt, dass die Insolvenz nun unvermeidbar ist. In den kommenden Tagen, vermutlich am Freitag, werde man am Landesgericht Linz den Antrag auf Konkurs einreichen. „Obwohl die Insolvenz nicht hausgemacht ist, müssen wir erkennen, dass der eigenständige Weg zu Ende geht“, so Binder. Aber man arbeite bereits an Szenarien für die Zeit in und nach der Insolvenz.
Auch in den vergangenen Tagen wurde noch mit Interessenten verhandelt. Gerüchten zufolge soll es mögliche Käufer zumindest für Teile von Quelle Österreich geben, die aber abwarten, bis Quelle in Konkurs ist, um dann billiger zuschlagen zu können.
Der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) bestätigt, dass der Insolvenzantrag der Quelle so gut wie fertig ist. Otto Zotter vom KSV geht davon aus, dass der Zusammenbruch von Quelle etwa 1000 unbesicherte Gläubiger treffen wird. Die Passiva werden auf mehr als 100 Millionen Euro geschätzt.
Zu den Verbindlichkeiten von 76 Millionen Euro, die in der Bilanz 2008 ausgewiesen werden, kommen Rückstellungen für Pensionisten und Mitarbeiterforderungen sowie Schadenersatzforderungen von Leasinggesellschaften. Damit wird die Quelle-Pleite zur drittgrößten österreichischen Handelsinsolvenz nach Konsum und Libro. Ein Zwangsausgleich mit einer Quote von 20 Prozent für die Gläubiger sei laut KSV nicht ganz auszuschließen.
Neben den 1100 Quelle-Mitarbeitern in Österreich wird die Insolvenz etwa 900 weitere Menschen treffen, die (zumindest teilweise) von Quelle leben: Darunter 400 Quelle-Pensionisten sowie die Betreiber und Mitarbeiter der 175 Quelle-Shops. 80 Prozent der Quelle-Shops arbeiten ausschließlich mit Quelle zusammen, den Rest wird die Quelle-Insolvenz weniger stark treffen, da sie auch andere Waren anbieten.
Milliardengrab Arcandor
In Essen haben sich gestern die Gläubiger von Quelle Deutschland versammelt, um das endgültige Aus zu beschließen. Die Liquidation sei nun „unvermeidlich“, so Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg in seinem Bericht. Interessenten habe es gegeben, aber nur vier davon hätten ein unverbindliches Angebot gelegt, mit keinem ist es zu einer Einigung gekommen. Die Liquidation von Quelle ist längst in vollem Gange. Nun geht es darum, aus der Masse möglichst viel Geld zu machen. Als Erstes hat sich die Otto-Gruppe an der Konkursmasse bedient und die Markenrechte im gesamten Konzern sowie die Russland-Tochter von Quelle gekauft. Der Preis lag, so Görg, bei 65 Millionen Euro. Am Dienstag wurde der Shoppingsender HSE 24 an den Finanzinvestor AXA Private um kolportierte 180 Mio. Euro verkauft. Derzeit laufen Verhandlungen um die Möbelsparte „Küchen Quelle“. Ein Käufer müsste allerdings die Markenrechte von Otto zurückkaufen. Die etwa 10.000 Gläubiger haben Forderungen in Höhe von 1,7 Mrd. Euro angemeldet.
Für die Gläubiger des Dachkonzerns Arcandor wird die Pleite zum Milliardengrab: Die unbezahlten Forderungen belaufen sich bisher auf 19 Mrd. Euro. Der Insolvenzverwalter kündigt an, dass die Gläubiger nur mit Rückzahlungen im „unteren Promillebereich“ rechnen könnten.
Hoffnung gibt es dafür bei Karstadt: Die Gläubiger haben Görg beauftragt, die Warenhauskette an einen Investor zu verkaufen, der ein nachhaltiges Konzept zur Weiterführung vorlegt. Einschnitte bleiben aber nicht aus: Neben den sechs Filialen, die noch heuer geschlossen werden sollen, stehen weitere elf Häuser vor dem Aus. Außerdem müssen die derzeit noch 26.000 Mitarbeiter in den kommenden drei Jahren auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie weitere Leistungen verzichten und so mit Einsparungen von 150 Millionen Euro zur Sanierung beitragen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2009)