Fetischware in Lomé: Affenschädel, Büffelpenis und Gepardenhaut sind nicht nur Rohstoff für Voodoozauber, sondern auch für traditionelle Medizin.
Zu den wunderlichsten Orten gehört der Marché des Feticheurs in Lomé, der größte westafrikanische Fetischmarkt. Früher befand er sich im innerstädtischen Marché Bé, doch vor einigen Jahren wurden die Stände in den Vorort Akodessewa verlegt, in eine sandige, etwas heruntergekommene Gegend. Akodessewa sieht aus, als würden größere Bauvorhaben verwirklicht, aber es könnte ebensogut alles seit Jahrzehnten stagnieren. Der Markt auf einem abgegrenzten Areal hat kaum Besucher. Togo importiert Voodookunst aus Benin, nur im Süden des Landes gibt es Altare, wo Hühner in Schnaps und Feuer geopfert werden. Voodoobedarf ist kein tägliches Business, die westafrikanische Medizin gerät zudem etwas außer Mode.
Neben den obligatorischen Puppen und Figuren bietet der Fetischmarkt Vogelskelette, eingetrocknete Schrumpelkrokodile, halb trockene Papageien, Gepardenhäute, Kalbsknochen, Geier- und Eulenmaterial, Chamäleon, Häute von Viper und Python, Krokodils-, Katzen- und Affenkopf, Büffelteile und auch sonst alles, was man für faulen oder effizienten Zauber so benötigt. Natürlich treiben sich wegen der miserablen Auftragslage der Branche fleißige Guides herum, die mit oder ohne Einladung über animalische Füße, Trockenaugen und Penisse fachsimpeln, und da kommt garantiert die Einladung ins Hinterzelt, „weil Sie haben unglaubliches Glück, der Meister ist heute persönlich anwesend!“ Mit beträchtlichem Brimborium werden Zauberkugeln und Donnersteine vorgeführt, und am Ende vertreibt der Meister, der hauptberuflich als Impresario eines Ramschunternehmens fungiert, seine magisch aufgeladenen Kinkerlitzchen zu erheblichen Preisen.
Doch für Fetischware existiert ein seriöser kultureller Hintergrund: So betreibt Monsieur A. Joseph einen Stand namens „Ingenieur Traducteur des Forces Vodous Africaines“. Wenn man ihn fragt, ob er heute etwas Frisches empfehlen kann, findet er das gar nicht merkwürdig. „Zerstäubte Krallen sind empfehlenswert, aber ich verkaufe sie auch im Ganzen. Viele Kunden zerbröseln sie daheim. Bei uns geht es um das passende Originalprodukt.“ Das Zerstäuben von Tierfetischen mit Zauberkraft überlebt in Westafrika als effizientes Parallelsystem zur Medizin, deren State of the Art sich nur Ausgesuchte leisten können.
Die Ausbildung zum Fetischspezialisten dauert mehrere Jahre. Geheilt wird, indem den
Patienten Schnitte beigebracht werden, oft am Rücken. Durch sie massieren Heiler diverse Staubpulver unter die Haut. Joseph verwendet das Schlagwort „Apotheke für die ganze Welt“, Hauptbereiche: Mörserprodukte, Knochenstaub, Eingelegtes. „Voodoo ist ja nicht beliebig anwendbar, sondern mit Vorsicht zu genießen“, erklärt Joseph, „seine düstere Form wird von den meisten gemieden. Denn bösartige Puppenstechzaubereien haben die Tendenz, auf die Zauberer mit doppelter Schwere zurückzufallen.“ Da bleibt er lieber bei den traditionellen Hausmitteln.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestell-Info: Online oder Fax: 01/514 14-277.