Schnellauswahl

Das dunkle Herz der französischen Macht

Gold und Macht machen nicht immer glücklich. Fran¸cois Hollande wird wohl als einer der unbeliebtesten Präsidenten in die Geschichte Frankreichs eingehen.
Gold und Macht machen nicht immer glücklich. Fran¸cois Hollande wird wohl als einer der unbeliebtesten Präsidenten in die Geschichte Frankreichs eingehen.(c) AFP
  • Drucken

Emmanuel Macron und Marine Le Pen träumen davon, in den Elysée-Palast einzuziehen. Seit 1848 fühlten sich aber die meisten Staatschefs nie besonders zu Hause in dem Prunkgebäude, das pikante tragische Anekdoten umranken.

Die Russen haben ihren Kreml, die Amerikaner das Weiße Haus. Für die Franzosen ist der Elysée-Palast als Präsidentensitz das Synonym für die Staatsmacht. „Le Château“, wie das Elysée gern in den Gängen der Nationalversammlung noch ehrfürchtig genannt wird, ist geheimnisumwittert. Nur schon die Erwähnung des Namens lässt in Paris die Augen der ehrgeizigen Politiker glänzen, als fiele ihnen dazu die ursprüngliche Bedeutung des Elysiums in der griechischen Mythologie ein: Das Land der Glückseligen.

Aus den Memoiren der ehemaligen Hausherren ist allerdings zu schließen, dass für sie der Aufenthalt in diesem klassizistischen Stadtpalast nicht gerade paradiesisch war. Im Gegenteil: Die Präsidenten der Nachkriegszeit haben sich über den Mangel an Komfort und Privatleben beklagt. Die meisten hatten darum eine private Zweitwohnung, wenn nicht sogar ein geheimes Doppelleben wie François Mitterrand.

Seit dem Beginn lastet der Fluch einer Erzsünde über diesem Palast, den vor 300 Jahren der 32-jährige Graf von Evreux auf einem damals sumpfigen Gelände am Stadtrand von Paris in Auftrag gab. Um das Bauvorhaben zu finanzieren, willigte er in eine Ehe mit der 12-jährigen Tochter eines Kreditgebers ein. Kaum aber war die Einweihung vorbei, ließ er die Unglückliche sitzen. Danach quartierte König Ludwig XV. seine Mätresse, Madame Pompadour, in diesem kleinen Lustschloss ein. Sie zog wenig später fluchtartig aus, als ihre kleine Tochter starb. Das war nur die erste Tragödie in diesen historischen Mauern, deren Besitzer ständig wechselten. Einige der Salons tragen heute noch ihre Namen: Pompadour, Murat, Napoleon III. Für Kaiser Napoleon I. war das Elysée kein Platz des Triumphs. Im Salon d'Argent musste er nach der Niederlage von Waterloo seine Kapitulation und Abdankung vor dem Sieger Lord Wellington unterzeichnen, der sich im Palais einquartiert hatte.

Die offizielle Geschichte als Präsidentensitz beginnt 1848 mit der Zweiten Republik. 29 französische Staatschefs haben seither darin logiert. Drei von ihnen sind dort gestorben. Dass der Dritte, Félix Faure, erschöpft seinen letzten Atem in den Armen seiner Geliebten aushauchte, konnte nicht lange als Staatsgeheimnis vertuscht werden. Es blieb längst nicht die einzige Affäre um Seitensprünge.
Zwei Präsidenten, Sadi Carnot und Paul Doumer, fielen Attentaten zum Opfer. Raymond Poincaré nannte es „das Haus der Toten“, wohnte aber von 1913 bis 1920 selbst darin. Sein Nachfolger Paul Deschanel musste nach wenigen Monate von seinem Amt zurücktreten, das ihn offenbar so sehr verwirrte, dass er zuletzt seine Dekrete mit „Napoleon“ unterzeichnet haben soll.

Atombunker.
Noch jeder Neuankömmling hat sich beklagt, und sei es nur über den schlechten Geschmack des Vorgängers. Der hochgewachsene General de Gaulle musste zuerst einmal ein neues Bett bestellen, das seiner Körperlänge entsprach. Nichts zu machen war aber bei der fehlenden Intimität: Jede Nacht wachte eine Leibgarde vor dem Schlafzimmer! De Gaulles Gattin Yvonne sagte vom Elysée, was viele andere First Ladies vor und nach ihr dachten: „Alle sind hier zu Hause außer wir beide.“ Immerhin hatte sie eine winzige Kapelle im Sitz der sonst so weltlichen Republik einrichten lassen. Die kleine Andacht dient seither als Abstellraum, just an der Stelle des vormaligen Kruzifixes hing angeblich ein bereits ausrangiertes Hollande-Porträt.

Die prachtvollen Empfangsräume dienen den Präsidenten dazu, dem staunenden Volk und ausländischen Delegationen die Macht vorzuführen. Oft aber reicht der Prunk des Elysée nicht. Wenn der französische Staatschef internationale Gäste mit der historischen Größe Frankreichs beeindrucken will, lädt er sie zu einem privaten Rundgang und einem ganz seltenen Diner in der monumentalen Galerie des Batailles ins Schloss Versailles ein.

Im „Château“ an der Rue du Faubourg Saint-Honoré Nr. 55 ist im Alltag der Platz längst knapp geworden. Zwar bieten die mehr als 11.000 Quadratmeter Platz für 300 Zimmer, Büros und Salons, doch mit all den Aufgaben, die dem gewählten Staatsoberhaupt heute zukommen, ist auch die Zahl der Berater und Mitarbeiter gewachsen. Im Dienst des Präsidenten stehen fast 1000 Personen, von denen ein Drittel Militärangehörige sind. Strengstes Zutrittsverbot haben alle Unbefugte zum unterirdischen Atomschutzbunker, in dem sich die Kommandostelle „PC Jupiter“ befindet, von der aus der Staatschef über die französische nukleare „Force de frappe“ gebietet. Mitterrand gestand einmal, er habe bei der Amtsübergabe von Valéry Giscard d'Estaing den Code für den Einsatz der Atomwaffen erhalten und nachlässig in die Tasche gesteckt. Was ihm erst am Tag danach wieder einfiel. Die Hose mit dem streng geheimen Inhalt sei dann gerade noch rechtzeitig aus der Reinigung geholt worden.


Kinosaal im Keller. Eine Einladung zu einer privaten Filmprojektion im ebenfalls im Untergeschoß eingerichteten Kinosaal dagegen gilt vor allem seit der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni und danach François Hollande als mondänes „Must“ für die Pariser Prominenz. Ebenfalls im Sous-sol befindet sich einer der besten Weinkeller mit rund 13.000 Flaschen der renommiertesten Weingüter.

Das Inventar ist wertvoll im Elysée. Als Souvenirs verschwinden immer wieder mal ein paar der 6000 Weingläser aus Kristall, Silberbesteck oder eines der 6500 Teile des wertvollen Porzellans, das aus Vorsicht auch heute noch von Hand abgewaschen wird. Gemäß eines überlieferten Rituals zieht ein „Maître horloger“ jeden Dienstag in weißen Handschuhen die 320 Pendel- und Wanduhren auf. Einige der teuren historischen Möbelstücke mussten unlängst restauriert werden, weil die drei Hunde von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni daran genagt hatten.

Haustiere waren indes immer willkommen. Fast jeder Präsident hatte einen Lieblingshund. Von Mitterrand ist ein Berner Sennenhund in Erinnerung geblieben. Seinen Nachfolger Chirac mahnte Mitterrand vergeblich, seine Enten im Park vor seinem ungestümen Labrador „Maksou“ zu retten. Der Jagdinstinkt war stärker. Der rund zwei Hektar große Park zwischen dem Palast und der Avenue des Champs-Elysées erinnert daran, dass der Palast in der Anfangszeit im Grünen lag. Er ist die einzige Attraktion des Elysée, von der noch alle bisherigen Mieter geschwärmt haben.

In Zahlen

29

Präsidenten haben seit 1848 im Elysée-Palast logiert. Drei davon starben in dem 1722 fertiggestellten Gebäude, in dem 1753 Ludwig XV. seine Geliebte Madame Pompadour einquartiert hatte.

300

Räume umfasst das 11.000 Quadratmeter große Prunkgebäude, in dessen Untergeschoßen ein Kino und ein Atomschutzbunker untergebracht sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2017)

Mehr erfahren

Zum Thema

Die Übermacht des Monsieur Macron

Zum Thema

Macrons Plan für Frankreich

Zum Thema

Das Erfolgsgeheimnis von Emmanuel Macron

Zum Thema

„Wie eine Flutwelle“: Macron greift nach der absoluten Mehrheit

Zum Thema

Bekenntnisse einer Macronistin der ersten Stunde

Zum Thema

Erste Affäre im Umfeld von Präsident Macron

Zum Thema

Frankreich: Der umstrittene Gast aus Moskau

Zum Thema

Aufmarsch der Generation Macron

Zum Thema

Frankreich: Zerreißprobe für die Sozialisten