Mumok: Die Socken der Revolutionäre

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In einem notwendig chaotischen Kraftakt gibt die Ausstellung „Gender Check“ erstmals einen Überblick über die Darstellung der Geschlechterrollen in der Ostkunst.

Was kann man mit einem Pflasterstein alles machen, wenn man ihn schon nicht werfen darf? Kuscheln, an die Leine nehmen, verpacken, Kugelstoßen. Die ungarische Künstlerin Dora Maurer zeigte es 1978 für eine Fotoserie vor, gesehen werden diese schwarz-weißen Übersprungshandlungen allerdings nicht sehr viele haben. Konzeptkunst fand im ehemals kommunistischen Teil Europas im Untergrund statt; und war sie nicht überhaupt verboten, in Albanien etwa mehr, im ehemaligen Jugoslawien weniger, dann war sie auf den kleinen, privaten Rahmen beschränkt, Appartement-Art heißt das Stichwort dafür.

Künstlerinnen und Künstler als Widerstandskämpfer gegen das Regime, dieses mitunter wahre Klischee war der Aufhänger für den Großteil der „Ostkunst“-Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte, wir sind praktisch konditioniert darauf. War das jetzt offizielle oder nicht offizielle Kunst, sei dementsprechend auch die häufigste Frage, die sie hier höre, seufzt die bulgarische Kuratorin Bojana Pejic. „Beachten Sie einfach das Format“, rät sie dann kurzerhand wenig politisch korrekt. Reicht aber gleich darauf die zurzeit „offizielle“ Meinung nach: „Es gab keine offizielle oder nicht offizielle Kunst, sondern nur eine offizielle bzw. nicht offizielle Distribution.“

Wir stehen mitten im hektischen Aufbau der Ausstellung „Gender Check“ im Mumok. Einen Tag vor der Eröffnung ändert Pejic immer noch ihr Konzept. Wen wundert's, diese Schau ist die reine Anmaßung: Aus 24 Ländern wurden rund 400 Arbeiten von 200 Künstlerinnen und Künstlern nach Wien gekarrt. Sie sollen nicht mehr und nicht weniger als eine Geschichte der Darstellung von Mann und Frau in der Kunst des ehemals kommunistischen Ostens zeigen – vor und nach dem „Mauerfall“. 50 Jahre komplexeste Kunstgeschichte also, jeweils von Experten vor Ort aufgearbeitet. Die Vorgabe war, nicht nur den verschiedenen Situationen der einzelnen Länder gerecht zu werden, sondern sich noch zusätzlich auf das in diesem Fall doppelt heikle Feld der feministischen Kunst einzulassen. Denn Feminismus in Ost und West hieß durchaus etwas anderes, darüber stritt 1978 bei einem Belgrader Kongress schon Alice Schwarzer mit ihren Kolleginnen. Kecker Slogan der Tagung: „Proletarier aller Länder, wer wäscht eure Socken?“

Einmal dürfen Sie raten, das taten die Frauen eben, nachdem sie von der Arbeit auf dem Feld, dem Bau oder in der Fabrik heimgekommen waren. So viel zur gleichberechtigten „Happy Family“, einem Hauptmotiv des Sozialistischen Realismus. Es ist ein großes Plus dieser Ausstellung, dass sie sich nicht scheut, derlei Propaganda in den Kontext von teils zeitgleicher kritischer Kunst zu stellen. In der großen Halle auf der Eingangsebene führt dieser gemischte Ausstellungsteil ein Leben für sich: hier das Gemälde einer heroischen Bauersfrau am Weidezaun, da das Ölbild einer erschöpften Ärztin, die nach einem sichtlich stressigen Tag wie tot in einen Sessel sinkt. Und dort, in etwa zeitgleich, die Fotos einer Performance, bei der Zorka Ságlová 1969 in einer Galerie in Prag Heu rechen ließ, von einer Ecke in die andere. So viel zur Arbeit, aber nicht nur im Feminismus, auch im Kommunismus war das Private politisch: Hier eine Ikone der DDR-Kunst, die heitere Kleinfamilie am Strand, da „Mummy comes home“, eine Mutter in Büroadjustierung beugt sich zu ihrem auf dem Boden spielenden Kind. Dort die DDR-Antibabypille in einer Vitrine, die hätte man sich sparen können, aber dieses einsame kulturhistorische Einsprengsel kann den ohnehin bereits gesprengten Rahmen auch nicht mehr aus der Fassung bringen.

Nacktheit war verboten

Das Problem der Masse und der nur per Audioguide abrufbaren Zusatzinfos: Die teils komplexen Geschichten, die hinter vielen Arbeiten stecken, gehen schnell unter. Etwa hinter den Fotos entblößter Frauen von Boris Mikhailov, einem der bekanntesten ukrainischen Künstler. Wir stempeln sie schnell als sexistisch ab, in den 60er-Jahren waren sie ein Protest gegen das puritanische Regime, das Nacktheit in der Kunst verbot. Die Legende sagt, dass Mikhailov eingesperrt wurde, weil er ein Aktbild seiner Ehefrau anfertigte.

Oder Sanja Ivekovics Projekt „Gen XX“: Unter Werbefotos von Topmodels, die in den 90er-Jahren jeder kannte, Heldinnen des Kapitalismus, schrieb sie Namen und kurze Bios von längst vergessenen Heldinnen des Kommunismus, antifaschistischen Kämpferinnen. Diese Bilder veröffentlichte sie dann in kroatischen Modemagazinen. Das letzte zeigt ein strahlendes Foto ihrer Mutter, einer Kommunistin, die Auschwitz überlebt hat. Der junge albanische Shootingstar Anri Sala dagegen sieht die verdrängte kommunistische Vergangenheit seiner Mutter kritischer, er geht ihr mithilfe eines alten, tonlosen Parteifilms, der seine Mutter zeigt, und einer Lippenleserin auf den Grund.

Weiter rast die Bilderflut, ordnet sich lässig unglaublichen Kapiteln unter, über (verpönte) Selbstporträts, Liebe, Kapital und Gender, Nationalismus und Kritik, Identität, Spektakel und Maskerade. Kein Besucher kann das alles aufnehmen. Muss er auch nicht. Es zeigt, welch weite Gebiete hier auf Kunsthistoriker noch warten. Und zeigt, welch Pionierarbeit das Kunstprogramm der Erste-Bank-Stiftung ermöglicht, das dieseAusstellung initiiert hat.

ZU AUSSTELLUNG UND SYMPOSIUM

„Gender Check.Femininity And Masculinity in the Art of Eastern Europe“. Bis 14.Februar, Mo–So: 10–18, Do: 10–21 Uhr. www.mumok.at

Ein Symposium findet an den ersten beiden Ausstellungstagen statt: „Reading Gender. Art, Power And Politics of Representation in Eastern Europe“. Heute, Freitag, ab 14 Uhr zur Frage „Can Feminism Speak East?“, am Samstag geht es von 10 bis 19h um die Themen „Fuck Your Gender“ und „Subverting Canons“.

„Postaci“ (Figuren, 1950) nennt Wojciech Fangor sein Gemälde (l.). [Museum Sztuki w Lodzi/Mumok]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2009)

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