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Front National: Strategiedebatte in der Partei und im Le-Pen-Clan

Marine Le Pen, French National Front (FN) political party leader and Member of the European Parliament, attends the election of the new President of the European Parliament in Strasbourg
Marine Le Pen(c) REUTERS (Christian Hartmann)
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Marine Le Pen forciert eine Neuausrichtung und eine Umbenennung. Ihr Vater und ihre Nichte opponieren gegen den Kurs.

Wien/Paris. Der Alte grollte. Seine Tochter Marine Le Pen kann es dem Parteigründer des Front National (FN) partout nicht recht machen. Erst monierte Jean-Marie Le Pen, der 88-jährige Haudegen der Rechtsextremen, die Präsidentschaftskandidatin führe einen schaumgebremsten und zu laxen Wahlkampf. Als die Parteichefin im TV-Duell gegen Emmanuel Macron seinen Rat beherzigte und ihren Gegner mit schriller und aggressiver Rhetorik überzog, überreizte sie indessen den Angriffsmodus. Marine Le Pens Maske sei gefallen, urteilten die französischen Medien. Le Pen senior erklärte hinterher wohl nicht ohne Verbitterung, seine Tochter sei eben nur Mittelmaß.

Viele schreckten schließlich vor der Wahl Marine Le Pens zurück, sodass sie in der Stichwahl „nur“ 34Prozent erzielte. Wie im ersten Wahlgang verfehlte sie ihr Wahlziel: Hatten ihr Umfragen in der ersten Runde lang den Sieg prognostiziert, so sagten sie ihr im zweiten Durchgang 40 Prozent voraus. Marine Le Pen erreichte zwar einen Achtungserfolg, den sie als „historisch“ qualifizierte. Doch sie blieb insgeheim hinter den Erwartungen zurück, und in den Reihen der Partei machten sich Ernüchterung und auch Kritik an Stil und Strategie des Wahlkampfs breit.

Während sich Marine Le Pen bei der Wahlparty in der Disco den Frust aus dem Leib tanzte, traf sie der Unmut der Familie. Jean-Marie Le Pen und seine Lieblingsenkelin, die 27-jährige Marion Maréchal Le Pen – eine von zwei FN-Abgeordneten im Parlament –, waren sich demonstrativ einig in ihrem Urteil. Der Patriarch erklärte, seine Tochter habe nicht die wahren Probleme angesprochen: Immigration und Demografie. Zu spät habe sie überdies ihren Anti-EU- und Anti-Euro-Kurs abgeschwächt.

 

„Entdämonisierung“

Nach der Präsidentenwahl brachen die nur notdürftig kaschierten Querelen innerhalb der Parteifamilie – im Front National ist dies vor allem auch eine Fehde innerhalb des Le-Pen-Clans – offen aus. Nach dem „Vatermord“, dem Ausschluss Jean-Marie Le Pens aus der Partei vor zwei Jahren, ist der Kontakt zwischen Vater und Tochter, zwischen Parteigründer und Parteichefin komplett abgerissen. Seit der Übernahme des FN hat Marine Le Pen versucht, die Partei salonfähig zu machen und sich nach und nach von den rassistischen, antisemitischen und homophoben Positionen ihres Vaters zu distanzieren – oder sie weichzuspülen.

(C) DiePresse

Sie betrieb eine „Entdämonisierung“ des Front National, eine neue Generation verdrängte die alte Garde. Die Vergangenheit ihres Vaters und seiner Partei, die er 1972 aus der Taufe gehoben hat, lässt Marine Le Pen indes nicht los. Als sie im Wahlkampf die Kollaboration Frankreichs bei Nazi-Verbrechen abstritt, trat sie eine Kontroverse über das Geschichtsbild des FN los. Dass Jean-François Jalkh, der Interimsvorsitzende, wegen revisionistischer Äußerungen zum Holocaust zurücktreten musste, ist Bestätigung für die Risse in der Partei.

Der Richtungsstreit ist nun voll entbrannt. Am Wahlabend brachte Florian Philippot, einer der Stellvertreter und ein enger Vertrauter Marine Le Pens, eine Neuausrichtung der Partei aufs Tapet, um die Basis zu verbreitern. Zugleich sprach er sich für eine Umbenennung aus. Die „Allianz aus Patrioten und Republikanern“ sollte auch die Anhänger des Gaullisten Nicolas Dupont-Aignan und seiner Partei Debout la France inkludieren, der Le Pen im zweiten Durchgang unterstützt hat. Doch er winkte ab: Er will bei den Parlamentswahlen als eigenständige Kraft antreten.

Jean-Marie Le Pen und Marion Maréchal Le Pen machten prompt Philippot, ihren Intimfeind, als Verantwortlichen für die Niederlage aus. Der homosexuelle Chefstratege ist für sie die Inkarnation der Öffnung und des strikten Antiglobalisierungskurses der Partei, mithin der Gottseibeiuns.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2017)

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