Ich fahre mit dem Rad, gemütlich und außergewöhnlich gut gelaunt, weil zur Abwechslung einmal die Sonne auch gut drauf ist, ...
... ich fahre also den Fahrradweg entlang, und als ich mich der Ampel nähere, sehe ich, wie ein extrem großer Mann ganz unbeteiligt neben seinem Miniatur-Zottelhund steht, der direkt auf dem Fahrradweg seine Morgentoilette erledigt, eine Szene, wie gemalt von einem konfusen Realisten. Anschließend entfernen sich die beiden Lebewesen in aller Sachlichkeit vom Tatort und lassen die problematische Hinterlassenschaft des Tieres einfach auf der Straße liegen. In solchen Momenten erinnert man sich an die Regeln des guten Zusammenlebens in der Stadt, und Exkremente gehören definitiv nicht dazu.
„Grauslich“, rufe ich dem Riesen zu, „macht er das bei dir daheim auch?“
„I kumm da glei' mit dahaam“, lärmt der Mann angriffslustig in meine Richtung.
„Na, jetzt machst ma aber Angst“, schalte ich anschließend meinen Spottmodus ein.
„Schleich di, Deppate“, scheint ihm eine würdige Antwort darauf zu sein.
„Schleich di söwa“, gehen mir die Schimpfideen aus.
Abends erzähle ich einem Freund von dieser seltsamen Freiluftkonversation, aber er winkt unbeeindruckt ab: „Du hast“, sagt er, „ein ganz normales Wiener Gespräch geführt.“ Ich bin immer überrascht, wenn sich Klischees bestätigen, in diesem Fall das des grantelnden, aber tierlieben Wieners. Denn die meisten Gassigeher, die mir über den Weg laufen, räumen hinter ihren Hunden auf, und chronisch übellaunig scheinen sie mir auch nicht zu sein. Das Klischee hat mich wieder an das Klischee erinnert, so war das diesmal.
Als türkeistämmiger Mensch in Wien lebe ich ja auch im Klischee. Also von der Außenwirkung her. Die Großfamilie kann ich bestätigen, aber sonst: kein Kopftuch, keine Zwangsheirat, keine herrischen Machoverwandten, keine unterdrückerische Kindheit, keine Zwangsmitgliedschaft im Erdoğan-Fanklub, und ich habe noch nie Apfeltee getrunken.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2017)