Song Contest: Acht Höhe- und Tiefpunkte des ersten Halbfinales

Na klar, Schweden ist weiter - trotz aalglatter Performance.
Na klar, Schweden ist weiter - trotz aalglatter Performance.(c) APA/AFP/SERGEI SUPINSKY (SERGEI SUPINSKY)

Das erste Halbfinale des Song Contests 2017 in Kiew ist Geschichte. Favoriten wie Portugal und Australien sind ins Finale eingezogen. Acht Highlights und acht Tiefpunkte vom Dienstagabend.

Der Song Contest ist eines der letzten TV-Lagerfeuer geworden. Der letzte Dinosaurier seiner Art, eine Show, die man gemeinsam vor dem Fernsehgerät erlebt. Warum? Weil sich am besten über Musik streiten lässt, weil es um Geschmäcker geht, um ästhetisches Empfinden, um das gemeinsame Lästern. Der musikalische Wert ist nicht immer groß, was aber lange noch kein Grund sein soll, alle Teilnehmer über einen Kamm zu scheren. Denn ohne Zweifel ist auch beim ersten Halbfinale in Kiew Dienstagabend eine Gruppe talentierter Musiker aus 18 Ländern zusammengekommen, um sich einen von zehn zu vergebenen Plätze zu sichern.

Die ersten Finalisten

Armenien - Artsvik mit "Fly With Me"
Aserbaidschan - Dihaj mit "Skeletons"
Australien - Isaiah mit "Don't Come Easy"
Belgien - Blanche mit "City Lights"
Griechenland - Demy mit "This Is Love"
Moldau - SunStroke Project mit "Hey Mamma"
Polen - Kasia Mos mit "Flashlight"
Portugal - Salvdor Sobral mit "Amar Pelos Dois"
Sweden - Robin Bengtsson mit "I Can't Go On"
Zypern - Hovig mit "Gravity"

Acht Höhepunkte

  1. Australien. Isaiah ist 17 Jahre alt und singt mit merkbarer Nervosität den schönen Pop-Song "Don't Come Easy" sicher nach Hause - von dem Kopfstimm-Patzer am Song-Höhepunkt abgesehen. Die Kamerablicke sitzen, die Gesten noch nicht ganz. Aber das kann noch werden.

  2. Finnland polarisiert wegen des abwesenden Beats, wegen der fehlenden Klimax des Songs "Blackbird". Und doch, der dramatische Song bewegt - vorgetragen von der schönen, klaren und sicheren Stimme von Norma John. Das anrufende Publikum war offensichtlich nicht so überzeugt. Finnland schied aus.

  3. Portugal. Salvador Sobral polarisiert da noch mehr und fällt in unserer Wertung in die Highlights - weil schön, weil mit Herz, weil anders; weil hier Stimme und Song "Amar Pelos Dois" zu einer Einheit verschmelzen und keine Meterware dahintersteckt. Da darf der Song - geschrieben von Sobrals Schwester - auch ein paar Takte Zwischenspiel atmen. Über die etwas eigenwillige Bühnengestik lässt sich streiten.
  4. Moldau - auch das Gegenteil von Portugal kann Spaß machen. "SunStroke Project" bringt mit "Hey Mamma" melodiösen Trash zum Mittanzen (markante Schritt-Kombination) nach Kiew. Ein Song, der Spaß macht, solange man den Text ausblenden kann.

  5. Zypern liefert nach langen ESC-Krisenjahren guten Pop mit Groove. Ein Song zum Mitshaken, dargeboten von Hovig mit guter Choreografie und sicherer Stimme. Und man gönnt Zypern den leicht überraschenden Finaleinzug nach einer gefühlten Ewigkeit an Misserfolgen beim Song Contest.

  6. Der Song Contest findet statt; in der Ausstrahlung reibungslos. Das kann man nach den schwierigen Vorzeichen in Kiew schon als kleinen Erfolg verbuchen.

  7. Die Bühnentechnik ermöglicht wieder tolle Effekte: Laufbänder, Drehscheibe, die griechischen Wasserklatscher. Das heißt nicht, dass diese immer ästhetisch und passend sind. Aber der Aufwand ist enorm und eindrucksvoll.

  8. Stimmtechnik. Klar, hie und da gibt es schiefe Töne (Griechenland, was war das?!; Albanien, kürzere Töne hätten es auch getan), aber man kann doch sagen: Fast alle Teilnehmer haben eine gute stimmliche Leistung gezeigt und teils beachtliche Schwierigkeiten gemeistert: Riffs, hohe und lange Spitzentöne, interessante Lagenwechsel und verschiedenste Effekte und Stimmsounds. Da darf dann auch gerne aus Nervosität ein Tönchen etwas zu tief daherkommen. Eines, Griechenland!

Acht Tiefpunkte

  1. Schweden ist im Finale, weil der Song ein solider auf Mainstream getrimmter Pop-Song ist. Doch Schweden präsentierte sich dieses Jahr wie ein aalglatter Eisblock. Guter Song, gute Show, keine Frage. Die Choreographie professionell, gut umgesetzt und dennoch: irgendwie humorbefreit. Frei nach dem Bewerbungsgespräch-Klassiker auf die Frage nach der größten Schwäche: Zu gut.

  2. Über Kamerablick von Blanche aus Belgien ist man sich nicht ganz einig. Manche finden ihn bezaubernd, manche eher verloren bis abwesend. Die 17-Jährige musste sich dermaßen auf die tiefen Töne ihres Songs konzentrieren, da blieb kein Platz für einen positiven Blick. Das Lächeln wegen des kurz aufkeimenden Applauses blieb nur kurz. Diese Stimme ist besonders, bedarf aber noch etwas Arbeit. Man hatte nicht das Gefühl, dass Blanche einen sicheren Ton während des Songs fassen und genießen konnte. Vielleicht wird die junge Sängerin noch lockerer bis zum Finale. Es wäre ihr zu wünschen.

  3. Montenegro. Belgien unter die Tiefpunkte zu reihen, mag etwas gewagt sein, aber bei Montenegro herrscht Einigkeit: Einen schlechten Trash-Song schlecht zu singen und dabei ein transparentes Oberteil zu tragen, ist selbst beim Song Contest keine übliche Erfolgskombination. Beiträge wie "Space" wird es leider immer geben und für sie wurde das Halbfinale geschaffen. Da hilft auch das Pferdeschwanz-Wedeln von Interpret Slavko Kalezic nichts.

  4. Slowenien. Eine Ballade ohne Ziel, ein Geschmachte scheinbar ohne Ende. Danke, Omar Naber.

  5. Authentizität. Pop lebt von der großen Geste. Doch was manche Balladen-Schmetterer mit ihren Händen á la Schlagernacht in den Himmel zeichnen, lässt jegliche Glaubwürdigkeit verschwinden - Stichwort Herzerlformen mit den Händen. Deshalb hat Nathan Trent mit seinem Song im Donnerstagshalbfinale auch gute Chancen, sich gut zu präsentieren. Seine Energie und Intention ist spürbar.

  6. Moderation. Es gibt wohl keinen undankbareren Job als die Moderation des Eurovision Song Contests. Kann man sich da etwas einfallen lassen? Diese Einstudiertheit der Spontaneität kann man nicht einfach weglächeln. Es gibt Zeitdruck und keine Zeit für Improvisation - das ist bei einer derartigen Großproduktion klar. Aber die drei prinzipiell sympathischen Herren in Kiew taten einem bei den hölzernen Pointen fast leid.

    Am Dienstag ausgeschieden

    Georgien - Tamara Gatschetschiladse mit "Keep the Faith"
    Albanien - Lindita Halimi mit "World"
    Finnland - Norma John mit "Blackbird"
    Island - Svala mit "Paper"
    Tschechien - Martina Bárta mit "My Turn"
    Slowenien - Omar Naber mit "On My Way"
    Lettland - Triana Park mit "Line"

  7. Das Spielen von Playback-Instrumenten, die nicht einmal zu hören sind im Playback ist zwar Song Contest-Folklore, aber dennoch immer wieder irritierend. Beim finnischen Beitrag etwa wurde brav der Flügel bearbeitet, während nur Synth-Streicher zu hören waren. Allerdings bemerkenswert für aufmerksame Zuseher: Teils hatten die Instrumente Aufsteckmikrofone (Saxofon bei Moldau, die Geige bei Moldau und Polen, bei Lettland hatten Bass und Gitarre sichtbar ein Kabel aus der Buchse hängen), obwohl die gesamte Musik vom Band kommt.

  8. Mode. Warum gleich mehrere Beiträge versuchten, mit Brautkleid-Verschnitten zu punkten, blieb teils ein großes Fragezeichen. Überhaupt war die erste Halbfinalrunde kein wirklicher modischer Gewinn.