Unfertiger Regenbogen in Kiew

Bemalung dieses sowjetischen Monuments wurde gestoppt.
Bemalung dieses sowjetischen Monuments wurde gestoppt.(c) REUTERS (GLEB GARANICH)

Der Song Contest in Kiew findet unter dem Motto „Vielfalt feiern“ statt. Es ist ein Appell für die Akzeptanz von Lebensformen, mit dem sich nicht alle Kräfte im Land leicht tun.

Gerade eben sei eine Kanonade zu hören gewesen, schreibt ein Blogger, der in der von prorussischen Separatisten kontrollierten Stadt Donezk ausharrt. „Und bei uns ist Eurovision“, antwortete eine seiner fernen Facebook-Freundinnen.

Der Kontrast ist augenfällig. Die Hauptstadt Kiew hat sich das Design der Eurovision übergeworfen und auf dem Kreschtschatik, der Prachtstraße im Zentrum, eine Fanzone aufgebaut. Im Osten der Ukraine dauert indessen der bewaffnete Konflikt an, in dem fast täglich Menschen sterben.

Wer genauer hinsieht, erkennt auch hinter dem Glanz des Wettbewerbs Hinweise auf die angespannte Lage. Da sind die Querelen um die russische Kandidatin, die nicht nach Kiew reisen durfte und am Dienstag erneut auf der Krim auftrat – ein solches Konzert war ja der Grund für das von der Ukraine verhängte Einreiseverbot. Da sind die vielen Polizisten, die auf den Straßen und den U-Bahnen im Einsatz sind und den Veranstaltungsort fast Meter für Meter bewachen. Westeuropäischen Besuchern mag es paranoid erscheinen, doch in der Ukraine geht die Angst vor Anschlägen oder Sabotage um. Da sind die Plakate, die für den Kriegseinsatz im Osten werben.

Natürlich wird auch debattiert, ob sich das Land den Song Contest überhaupt leisten kann und unbeschwert feiern darf – in dieser Situation. Doch die Freude der Bewohner über die Besucher ist zu spüren. Die letzte Großveranstaltung, die Fußballeuropameisterschaft, ist fünf Jahre her. Für viele der angereisten Eurovision-Fans ist es ihr erster Kontakt mit einem Land der früheren Sowjetunion. Man sieht Begeisterung über die tief im Untergrund verlegte, opulent geschmückte Metro; ungläubige Blicke auf die Wohnsilos am linken Ufer des Dnipro, inmitten derer die Veranstaltungshalle liegt; freudige Erleichterung über die moderaten Bierpreise, auch wenn sie in der Halle dreimal so hoch sind wie in jeder anderen Bar.

Als Motto hat die Ukraine „Celebrate Diversity“ gewählt – ein Appell für mehr Toleranz, eine klare Abgrenzung zu Russland. Es ist ein Slogan, der programmatisch für europäische Werte steht. Dennoch: Das Thema Vielfalt ist kein leichtes für die Ukraine. Das Land ist seit dem Ende der Sowjetunion auf der Suche nach seiner Identität. Die Vielfalt der Lebensformen ist hier ein neues Konzept. Als Staat mit Sowjetvergangenheit war man lange sehr geschlossen. Menschen mit Behinderungen sieht man heute noch im Stadtbild kaum. Und auch Homosexuelle haben mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen.

Dabei ist gerade die Fankultur des Wettbewerbs homosexuell dominiert. Unter den tausenden Gästen sind viele Schwule, die Jahr für Jahr zu den Austragungsorten pilgern. „Der ESC ist eine wichtige Gelegenheit, um auf die Probleme von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern hinzuweisen, sagt Zorjan Kis, einer der Organisatoren der Homosexuellenparade „Kiew Pride“, zur „Presse“. Das internationale Interesse an dem Thema sei groß, aber nicht das der einheimischen Medien, kritisiert Kis, der auch für eine Broschüre mit „homofreundlichen“ Lokalen verantwortlich ist. Kis gefällt der Slogan „Celebrate Diversity“, auch wenn er nicht den Ist-Zustand beschreibt, wie er sagt: „Nach dem Ende des Song Contest beginnt wieder das echte Leben.“

 

Umstrittene Bemalaktion

In Kiew hat der Songcontest auch Gegner auf den Plan gerufen. Anfang Mai sollte ein sowjetisches Monument in den Farben des Regenbogens koloriert werden. Es handelte sich dabei um ein äußerst umstrittenes Denkmal, dessen Abtragung geplant ist: Ein Titanbogen oberhalb des rechten Dnipro-Ufers, der die historische Freundschaft der Ukrainer mit den Russen feiert. Nationalistische Aktivisten stoppten die Bemalung des Bogens in Regenbogenfarben. Nun steht der Bogen teilbemalt dar – eine treffende Zustandsbeschreibung.

Zorjan Kis zufolge haben dennoch die Verfechter von Menschenrechten und Gleichheit einen Etappensieg errungen. Er und andere wollen nun in einer Petition erreichen, dass der „Bogen der Vielfalt“ bestehen bleibt – auch nach dem Ende des ESC.

Berichte über das erste Halbfinale: diepresse.com/songcontest

Das zweite Halbfinale – an dem Nathan Trent für Österreich teilnimmt – findet am Donnerstag, den 11. Mai, statt.

Das Finale ist dann am Samstag.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)