Von wegen: Es braucht für einen Urlaub 30 Grad. Portugals wilder Südsüdwesten lockt den Naturromantiker aus der Reserve. Mit Wind und Wellen, die an Küsten nagen. Und Gerüchen aus der deftigen Fischküche.
Für manche Portugal-Anhänger beginnt „ihre“ Algarve erst ab Lagos, einer hübschen, kleinen, noch wenig vom Tourismus vereinnahmten Stadt. Der Grund ist: Richtung Westen wird die Gegend sehr bald leerer, ursprünglicher, wilder. Damit romantischer. Und auch das ist nachsaisontauglich. Sogar ein paar milde atlantische Wintertage kann man sich in kleinen Orten wie Luz, Burgau oder Salema (von Ost nach West) vorstellen.
Also westwärts: Die britisch-mitteleuropäischen Repräsentationsbauten und Altersteilzeitsitze, die in den letzten Jahrzehnten die Algarve so stark verhüttelt haben, verschwinden langsam von der Bildfläche; mitsamt den Pub-Straßen, den großen Villenresorts und den britannophilen Einkaufszentren. Einfachere Bauernhäuschen tauchen auf, Gebäude, die Einheimischen oder, okay, Neo-Einheimischen gehören, die sie vielleicht zeitweilig vermieten. An ihnen hängt jedenfalls kein „For Sale“-Schild, sondern frische Wäsche.
Danach kommt Amerika
Die Bäume werden kleiner und weniger. Ganz draußen, ein Stück hinter dem Ort Sagres, beugen sie sich dem Wind, der manchmal so vehement um die Kontinentalecke fegt, dass man gar nicht aus dem Auto aussteigen mag, um auf das letzte Ende von Europa hinauszuspazieren.
Das zu unterlassen wäre allerdings schade: Dieses Cabo de São Vicente ist ein geografischer Punkt, den der Reisende irgendwie abzuhaken hat. Selbst wenn dort auf dem hohen Felsvorsprung heute nicht viel mehr steht als ein großer Leuchtturm mit, immerhin, einer der stärksten Signalanlagen.
An manchen Tagen liegt der Atlantik ja ganz brav da tief unten, vergleichsweise moderat umspült er dann die Steilküste, vor der es für viele Seefahrer kein Entrinnen gab. Lange kann man da oben stehen und den Wellen zuschauen, wie sie konstant an der Küste nagen, bis sie unten wegbröckelt. Das schöne Fortaleza auf dem Weg zum Kap etwa ist schon länger gesperrt, weil es droht, irgendwann ins Meer abzustürzen.
Dass die Küstenlinie keineswegs stabil ist, beweisen auch Warnschilder, die darauf hinweisen, dem Abgrund nicht zu nahezukommen. Der Wanderer und Mountainbiker – und davon gibt es auch außerhalb der Sommersaison einige – wird ihnen an mancher Stelle begegnen. Öfter aber sind die Naturfreunde und -aktivisten auf ihren Instinkt angewiesen, sich nicht allzu weit zwischen den Agaven und Ginsterbüschen hinauszulehnen. Labil ist das Gestein, die Hochebene ist bedeckt mit roter Erde und hübsch bewachsen: mit Ohrwaschelkakteen, Feigen, Mandelbäume.
Sandstrandwandern
Natürlich erzeugt die Erosion auch interessante Effekte. Sie ist verantwortlich für die bizarren Felsformationen, die imagemäßig für die Algarve stehen, obwohl sie bei Weitem nicht überall vorkommen. Und wenn, dann in der Mitte und eben weiter westlich. Besonders schöne erodierte Ansichtsexemplare findet man bei Lagos, bei der „Ponta da Piedade“, wo man sich am besten ein Boot mit Guide chartert und sich die Felsfiguren im Meer erklären lässt: „Look, elephant.“
Auch mit dem Sand in den Badebuchten zwischen den Flanken der Steilküste arbeitet das Meer intensiver, als man ahnt. Das merken die Algarve-Wiederkehrer (das sind viele), die ihre Praia suchen und nicht mehr ganz so vorfinden wie das letzte Mal: mit einem breiten, feinen Sandstreifen, der sich nach hinten zu einem engen Felseinschnitt verengt, über den man vielleicht sogar hinunterklettern muss. Was meistens weiter hinten stehen bleibt, sind die typischen Holzboxen als Restaurant, in denen es mehr oder weniger die gleichen Speisen gibt: Sandwiches, Toast, Fisch – und Chips zu allem.
Naturromantik-Setting
Aber keine Bange, sollte der Algarve-Sandstrand einmal vom Meer geschmälert werden oder ganz verschwinden, taucht er bald wieder auf. So geschehen zum Beispiel an der Praia do Castelejo, die an der noch wilderen Westküste liegt. In ihrem Hinterland führen Wanderwege über weitläufige kleine Hügel, auf denen man kaum einer Menschenseele begegnet, höchstens ein paar fleißigen Radfahrern. Man muss sich schon auf den Hauptplatz von Carrapateira in den Kioskgastgarten setzen, ein Sagres-Bier trinken, einen Thunfischsalat essen, um in Gesellschaft zu sein (guter Beobachtungsposten).
Überhaupt erscheint an der Westküste das Meer noch einen Tick gewaltiger und die Gegend noch einsamer als der südliche Abschnitt zwischen Lagos und Sagres. Über der Praia do Amado, einem genialen Suferstrand, liegt meistens ein richtiger Nebelfilm von der Gischt, das Tosen sich brechender Wellen erfüllt die Luft. Dann riecht das Meer wie der Bacalhau, der sich in den Geschäften bergeweise stapelt. Oder wie Muscheln in der Cataplana, einem kugeligen Kupfergefäß, geschmort. Im Sommer ist die Praia do Amado definitiv der Strand. Und in der wilden Übergangszeit auch für den Naturromantiker.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2009)