Das Städel Museum Frankfurt zeigt die erste Ausstellung über den Renaissance-Maler Alessandro Botticelli im deutschsprachigen Raum. Eine großartige Ausstellung, wunderbar inszeniert, mit seltenen Leihgaben.
Ein Rendezvous der Sonderklasse: Nach hunderten Jahren trifft das berühmteste platonische Liebespaar der Florentiner Renaissance in Frankfurt am Main sich wieder. Ein ernster junger Mann mit tiefschwarzer voller Haarpracht, im roten, pelzverbrämten Gewand, die braunen Augen melancholisch gesenkt. Eine überirdisch schöne, blasse junge Frau, den Blick stolz in die Ferne gerichtet, die goldgelbe Haarpracht zu einer fantastischen Frisur gewunden.
Es sind Giuliano de' Medici und Simonetta Vespucci, die den Eingang in die erste monografische Botticelli-Ausstellung im deutschsprachigen Raum flankieren. In der geheimnisvollen Dämmerung des Sonderausstellungsraums des Städel Museums glimmen die Bildnisse auf sattroter Wand.
Leihgaben aus Florenz, Washington. Simonetta ist hier zu Hause, 1849 wurde das Botticelli-Gemälde vom Städel angekauft, mittlerweile ein Hauptwerk der Sammlung. Giuliano dagegen hatte eine weite Reise, er flog aus der National Gallery Washington ein. Mehrere Jahre haben Städel-Direktor Max Hollein und Städel-Kurator Andreas Schumacher weltweit mit Museen verhandelt, um diese Ausstellung zusammenzustellen.
Botticellis berühmteste Werke, „Primavera“ und „Die Geburt der Venus“, darf man sich trotzdem nicht erwarten, sie reisen gar nicht. Dennoch konnten 40 Botticelli und seiner Werkstatt zugeschriebene Bilder versammelt werden, darunter „Minerva und Kentaur“ aus den Uffizien in Florenz. Die lebensgroße Berliner „Venus“. Oder die frisch restaurierte „Maria mit Kind“ aus der National Gallery Scotland.
Florenz als „neues Athen“. Doch zurück zu unserem Liebespaar, dessen Geschichte einen guten Einblick in Alessandro Botticellis Arbeits- und Lebensumstände gewährt. Die Medici, damals Europas wichtigste Banker und im alten Florenz als neureich verachtet, beherrschen die Stadt. Botticelli ist ihr Leibmaler, seiner Kunst bedienten sie sich, um Familienpropaganda zu machen.
Das Ziel: die Macht durch Beschwörung eines neuen goldenen Zeitalters zu festigen und Florenz zu einem „neuen Athen“ zu stilisieren. Doch dafür braucht man neue Mythen, um sie den alten zur Seite zu stellen, erklärt Botticelli-Experte Hans Körner im beeindruckenden Katalog zur Ausstellung. Und was dient als Mythos besser, als ein jung verstorbenes, unglückliches Liebespaar, dem die Tugend das Glück verwehrte?
Als Giuliano, der junge Bruder des Medici-Familienoberhaupts, volljährig wurde, bekam er ein festliches Turnier ausgerichtet (das er natürlich gewann). Eine Leihgabe aus Wien, eine Turnierrüstung aus der Rüstkammer des KHM, erzählt von dieser Festtradition. Als „Königin der Schönheit“ stand Giuliano dabei die frisch verheiratete Florentinerin Simonetta Vespucci zur Seite; Botticelli entwarf eine verschollene Turnierfahne mit ihrem Antlitz, die Verehrung war reine Minne, blieb also unerhört.
Wenig später nur starb Simonetta. Und zwei Jahre darauf 1478 auch Giuliano, er fiel der Verschwörung der Pazzi, einer anderen Florentiner Familie, zum Opfer. Sein Bruder Lorenzo konnte nur knapp entkommen. Und er hatte seinen Florentiner Mythos, den der Dichter Polizian besang und den Botticelli malte. Posthum fertigte er ein Porträt Giulianos an, daher die halbgeschlossenen Augen und der fahle Teint.
Doch vor allem um die schöne Simonetta entspann sich in Florenz ein wahrer Kult. Sie steckt wohl hinter Botticellis „Weiblichem Idealbild“, die keusche Nymphe, einerseits erotisch (wilde Haarpracht), andererseits tugendhaft (die Rüstung der Weisheitsgöttin Minerva blitzt unter ihren verknoteten Zöpfen hervor).
„Obsession“ Simonetta. Ob Simonetta Botticellis „Obsession“ war, ob sie auch hinter der „Venus“, hinter dem „Frühling“ steckt, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Belege dafür gibt es jedenfalls keine – und wie auch immer zeigen Botticellis mythologische Bilder eine Illusion, kein Wesen von dieser Welt, sondern extreme Überhöhung: die ideale Schönheit, die durch Betrachtung näher zu Gott führen sollte, dachten die Neuplatoniker damals.
Trotzdem ertappt man sich dabei, sich in der Städel-Ausstellung auf die Suche nach Simonettas Antlitz zu begeben. Ist es nicht sie, die als Minerva dem Kentaur mehr zärtlich als abweisend in die Locken greift, um seinen Blick von ihrem Geschlecht zu lenken? Das Muster ihres Kleides zeigt das Symbol der Medici, verschlungene Diamantringe.
Und ist es nicht auch Simonettas sanftes Porzellangesicht, das Botticelli der lebensgroßen „Venus“ verlieh? Ein unglaubliches Bild, ein unglaublicher Erfolg in der damaligen Zeit.
Das Städel zeigt gleich zwei Versionen aus Botticellis Werkstatt, eine aus Berlin, eine aus Turin. Vor monochrom schwarzem Hintergrund wölbt sich wie in 3-D, wie eine Skulptur die nackte Idealfrau, bedeckt ihre Scham mit der dunkelblonden Lockenflut, hält in der Turiner Version ein durchsichtiges Gewand über der Brust zusammen, das ihre Nacktheit mehr betont, als sie zu verhüllen.
Auf Venus deutet hier kein Attribut, kein Detail, kein Hintergrund hin, die fantastische Frisur verweist eher auf eine Nymphe. So erfand Botticelli den eigenständigen erotischen Frauenakt in der neuzeitlichen Malerei – bis heute ist sein feministisch zweifelhafter Erfolg ungebrochen.
Lebendige Porträts. Auch in der Porträtkunst war Botticelli ein Neuerer, seine Porträts wirken unglaublich reduziert, modern. Noch dazu, wenn sie ungerahmt präsentiert werden, wie in der Ausstellung ein bestechend schlichtes Frauenbildnis aus Privatbesitz. Sein Trick: Er rückte die Florentiner Bürger in die vorderste Bildebene, machte sie zum Greifen nah, den Hintergrund bestimmt meist nur eine Fensteröffnung. Außerdem nahm er nordalpine Strömungen auf, verabschiedete sich vor allem bei den Herren von der strengen Seitenansicht, drehte sie ins Bild, ließ sie lebensecht direkt auf den Betrachter blicken.
Vasaris Intrige. Botticelli-Superstar – seine Bilder sind heute Fixstarter in unserem kollektiven imaginären Museum. Das war bei Weitem nicht immer so. Der Sohn eines Florentiner Gerbers, der bei Frau Filippo Lippi die Malerei gelernt hat, ist das Opfer einer der größten Verleumdungen der Kunstgeschichte. Giorgio Vasari, der große Künstlerbiograf, hat ihn auf dem Gewissen, er stellt ihn in seiner „Vita“ als Sonderling dar, als verbohrten Anhänger des Bußpredigers Savonarola.
Dieser wütete, die Medici waren entmachtet, moralisch in Florenz, bis er selbst auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Botticellis vorwiegend religiöses Spätwerk wird gern mit diesem Eiferer in Verbindung gebracht – dem Spätwerk ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet.
„Fegefeuer der Eitelkeiten“. Dabei waren immer schon 80 Prozent der Erzeugnisse von Botticellis Werkstatt religiösen Motiven gewidmet, auch wenn diese nie so bekannt wurden wie seine mythologischen Themen und Allegorien. Doch Botticellis Ruf war ruiniert, er soll seine Akte sogar eigenhändig auf Savonarolas „Fegefeuern der Eitelkeit“ verbrannt haben, verarmt auf Krücken durch die Stadt geschlichen sein, ein schwieriger Charakter, düster und wankelmütig. Der Katalog räumt mit Vasaris Intrige jedenfalls auf, sie soll einzig dazu gedient haben, Michelangelo in strahlenderem Licht erscheinen zu lassen.
Zur Ausstellung
Das Städel Museum in Frankfurt zeigt erstmals im deutschsprachigen Raum eine monografische Botticelli-Ausstellung. Zu sehen sind über 40 Werke des Renaissancemalers und seiner Werkstatt, darunter Leihgaben aus den Uffizien in Florenz, dem Louvre in Paris, der National Gallery in London, dem Metropolitan Museum in New York und der National Gallery in Washington.
Weitere 40 Werke sind von Zeitgenossen Botticellis zu sehen, wie Verrocchio und Filippino Lippi. Kurator ist Andreas Schumacher vom Städel. Zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz ein prächtiger Katalog (deutsche und englische Ausgabe) erschienen. 49,80 Euro im Buchhandel, 39,90 im Museum.
Daten: bis 28.Februar, Di, Fr, So: 10–18h, Mi und Do: 10–21h. www.staedelmuseum-de
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)