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Bildungssystem: Schlechte Chancen für Behinderte

(c) FABRY Clemens
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Schwerhörige können kaum die Matura bestehen, kritisieren die Grünen. Auch Unis sind nicht barrierefrei.

WIEN. „Sicher gibt es Förderung für Behinderte. Und zwar in der Behindertenschule.“ Es waren Aussagen wie diese, mit denen sich die 17-jährige Karin konfrontiert sah, als sie diesen Sommer ihre Matura machen wollte: Karin ist schwerhörig, eine von rund 500.000 Menschen, die in Österreich mit dieser Behinderung leben. Den Schulalltag hat die junge Frau gut gemeistert, an der Englischmatura sollte sie scheitern. Die Prüfer ließen sie durchfallen – weil Karin das Hörbeispiel nicht verstand. Oder besser: wegen ihrer Schwerhörigkeit gar nicht verstehen konnte.

Den Lehrern in der Abendschule, die die 17-jährige Wienerin besucht, seit sie die HAK nach dem Tod ihrer Mutter abbrechen musste, schien das egal zu sein. „Wenn ich etwas im Unterricht nicht verstehe, dann habe ich Pech. Als das Problem mit dem Hörbeispiel auftauchte, bot man mir an, ich könne mich näher an den CD-Player setzen, mehr nicht.“

Ein trauriger Einzelfall sei das nicht, sagt Helene Jarmer, die für die Grünen als erste gehörlose Abgeordnete überhaupt im Nationalrat sitzt. Eher die Regel: „Das heimische Schulsystem ist im Bereich Schwerhörige und Gehörlose desolat“, so Jarmer. Zahlreiche Fälle würden das belegen. Auch in Salzburg hätten Lehrer einen Schwerhörigen bei der Matura durchfallen lassen. Die Begründung: Seine Aussprache sei „nicht gut genug“. Wie schwierig es für Schwerhörige ist, eine Fremdsprache zu lernen, „dafür haben viele Menschen kein Verständnis“, sagt Jarmer.

„Die Leute können mit meiner Behinderung einfach nichts anfangen“, sagt die 17-jährige Karin. Vor allem, weil „man Schwerhörigkeit nicht sehen kann“. Karin deutet auf die Hörgeräte, die sie unter langen Haaren versteckt trägt. Geeignete Förderangebote „für Leute wie mich“ gebe es daher kaum. Das Ergebnis: Nur wenige Menschen mit Sinnesbehinderung gelangen an höhere Bildung. Viele können nicht einmal richtig lesen. Auch aus der Schwerhörigenklasse, die Karin in der Mittelschule besuchte, sei sie die Einzige, die heute mehr als nur einen Lehrabschluss habe. Bei Gehörlosen sei die Situation noch schlimmer, sagt Jarmer. In Österreich haben von den rund 10.000 Gehörlosen nur 100 Matura, 20 bis 30 studieren.

 

„Katastrophale“ Uni-Situation

Jarmers Forderung: ein barrierefreies Bildungssystem mit individueller Förderung für beeinträchtige Menschen. „Schließlich ist das Recht auf Bildung ein Menschenrecht.“ Was es brauche, seien Sensibilisierung, spezielles Coaching für Pädagogen und breit ausgebildete Stützlehrer. „Es geht nicht darum, dass Prüfungen für Behinderte leichter sein sollen, es geht darum, dass die Menschen durch spezielle Arbeitsbehelfe die gleichen Chancen haben“, sagt Jarmer, die jetzt auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) zu Gesprächen bitten will.

Karin jedenfalls darf nach Interventionen im zweiten Anlauf den Text des Maturahörbeispiels mitlesen. Sobald sie die Prüfung geschafft hat, will sie an der Uni studieren – und wird dort erneut mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. „Schon jetzt habe ich bemerkt, dass es kaum Anlaufstellen gibt“, sagt sie.

Ein Eindruck, der nicht täuscht: „Die Situation an den Unis ist eine Katastrophe“, so Verena Petzl, die für den „Verein österreichischer gehörloser Studierender“ arbeitet. „Dolmetscher sind kaum zu finden. Tutoren, die bei der Nachbearbeitung des Stoffs helfen, gibt es nicht.“ Und die Professoren haben bei Prüfungen meist kein Verständnis für Studenten mit besonderen Bedürfnissen. Zwar würden sich die Unis als „barrierefrei“ rühmen, „die Realität schaut anders aus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2009)