Erinnern Sie sich?

Eine Generation, traumatisiert durch ihre Fernsehserien?

Screenshot Perrine
Screenshot PerrineScreenshot Perrine

Serie Serien wie "Perrine" und "Niklaas" deprimierten mit ihren Geschichten vom Schicksal armer (Waisen-)Kinder. Dennoch hingen wir 70er- und 80er-Jahre-Kinder vor den Bildschirmen. Im Original war alles sogar noch schlimmer.

Der Titelsong, eigentlich eine Verhöhnung: „Wein' nicht mehr Perrine“, säuselte es einem da entgegen. Aber wie sollte das arme Mädchen nicht weinen? Der Vater stirbt, dann auch die Mutter, der Esel muss verkauft werden, der Opa ist ein Rassist. 52 Folgen lang deprimierte die Serie „Perrine“ uns Kinder der 70er- und 80er-Jahre vor den Fernsehschirmen.

Basierend auf dem Roman „En famille“ von Hector Malot spielte die Geschichte im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Perrine reist nach dem Tod ihres Vaters in Bosnien mit ihrer Mutter (anfangs noch, siehe oben) auf einem von einem Esel gezogenen Wagen zu ihrem Großvater väterlicherseits: einem Fabriksbesitzer, der den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen hat, weil dieser eine Inderin geheiratet hat. Am Ziel angekommen, arbeitet Perrine zunächst als Übersetzerin für den alten Mann, bis er ihre Identität erfährt und sie in seine Arme schließt. Ein Happy End mit äußerst schalem Beigeschmack angesichts dieser Vorgeschichte.

Die Alternativen unter den TV-Serien der 80er-Jahre? Oft um keinen Deut besser. „Niklaas, ein Junge aus Flandern“ ist ebenso arm, ebenso Waise, und dann stirbt auch noch der geliebte Großvater. Außerdem wird er zu Unrecht als Brandstifter verdächtigt, seine beste Freundin Aneka zieht weg, er kann seine Miete nicht mehr bezahlen, und was einem Kind eben sonst noch so alles Schreckliches zustoßen kann. Wie für Perrine deren frecher Hund „Baron“ ist auch für Niklaas sein „Patrasch“ der größte Trost. Der wurde von seinem Vorbesitzer übrigens brutal geschlagen, selbst den Tieren bleibt nichts erspart in den Serien des japanischen Studios Nippon Animation, das sich für viele seiner Werke düsterer Romanvorlagen bedient hat (im Falle von „Niklaas" war das „A Dog of Flandern" von Marie Louise de la Ramee). Aus dem Zeichentrickstudio stammen etwa auch „Heidi" (wieder eine Waise) oder die deutlich heiterere „Biene Maja".

Trauma oder Lehre fürs Leben?

Trotz (oder gar wegen?) all der Düsternis und Melancholie hingen wir vor den Bildschirmen. Mit verhängnisvollen Folgen, glaubt man der Einschätzung mancher Zeitgenossen: Die ganze Generation sei traumatisiert worden durch Perrine, Niklaas & Co. Wenn einem die Geschichten dieser Kinder den Optimismus nicht ganz ausgetrieben haben, kann man es freilich auch positiver sehen: Serien wie Niklaas und Perrine lehrten, wenn auch mit dem Holzhammer, Mitgefühl und Bescheidenheit, und vielleicht bereiteten sie sogar ein kleines bisschen darauf vor, dass das Leben nicht immer rosarot ist.

Wen die Serien tatsächlich traumatisiert haben, der sollte jetzt nicht mehr weiterlesen. Denn eigentlich war alles sogar noch schlimmer, als man den deutschsprachigen Kindern weismachen wollte. In der letzten Szene von „Niklaas“ schmiegen sich der Junge und sein Hund auf dem kalten Boden der Kathedrale von Antwerpen aneinander. „Ich bin so schrecklich müde, gute Nacht", sagt Niklaas noch. Kurz darauf schweben Engel herab und tragen Hund und Herrl gen Himmel. Aus dem Off erklärt dazu die deutsche Erzählstimme abrupt, die Geschichte sei nun zu Ende, Niklaas träume nur von den Engeln, bald werde er von seinen Freunden gefunden, und „eines Tages wird Niklaas ein berühmter Maler sein". Klingt unglaubwürdig (aber was glaubt man als kleines Kind nicht alles), und ist in der Tat eine Verfälschung. Das japanische Original ließ wissen, dass Niklaas und Patrasch tatsächlich gestorben sind. Manche Dinge waren in der Erinnerung eben doch besser, sogar bei den Depri-Serien der 80er.

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