Erinnern Sie sich?

Das letzte Tschisi

Serie Das Vanilleeis in Käseform verschwand 1999 aus den Tiefkühltruhen - und kehrte vor wenigen Jahren wieder zurück. Aber warum schmeckt es nicht mehr nach Kindheit?

Wessen Kindheit – so wie meine – mit archivarischer Sorgfalt auf Video dokumentiert ist, wer gefühlt jeden Moment seines eigenen Lebens, sobald er vorbei war, auf VHS-Kassetten und später in digitalen Files hat Revue passieren lassen, wer über so eine Bewegtbild-Chronik des eigenen Daseins verfügt, der ist sich irgendwann nicht mehr ganz sicher, an welche Ereignisse seiner Vergangenheit er sich wirklich erinnern kann und welche sich nur über das Filmmaterial, das davon übrig ist, ins eigene Gedächtnis gebrannt haben. Weiß ich wirklich noch, wie ich am zweiten Geburtstag meiner Schwester ständig ihre Kerzen ausgeblasen habe – oder kenne ich die Szene nur aus dem Video? Kann ich mich noch daran erinnern, wie sich der ganze Garten gedreht haben muss, wenn ich auf der Trapezschaukel herumgewirbelt bin – oder hat die Kameraperspektive meine eigene schon überschrieben?

Umso wertvoller sind einem dann jene Erinnerungen, bei denen man überzeugt ist, dass sie wirklich die eigenen sind. Die Erinnerung an das Tschisi fällt in diese Kategorie. Ich habe es geprüft: In den vielen Stunden Videomaterial, die mein Vater gedreht, geschnitten und, nach Jahren geordnet, gesammelt hat, findet sich kein Hinweis auf das Staberl-Eis in Käseform, das zwischen 1990 und 1999 produziert wurde.

Die ersten Meter am Fahrrad, der rote Badeanzug und der alte Nussbaum

Dabei war es damals mein Lieblingseis am Stiel, und mein allererstes, ein Traum von Vanille für fünf Schilling. In vielen Gedächtnisschnipseln gehe ich Gehsteige entlang, in der einen Hand die eines Erwachsenen, in der anderen das gelbe Eis, das munter auf den Asphalt tropft. Das Tschisi schmeckt in meiner Erinnerung nach ersten Metern auf dem eigenen Fahrrad – überzeugt, vom Vater gehalten zu werden und dann erschrocken bei der Erkenntnis, dass man tatsächlich alleine gefahren ist. Nach Sommertagen im roten Badeanzug, nach Schaukeln auf der Hängematte unter dem alten Nussbaum. Nach pickigen Fingern. Und natürlich nach Sand – wenn man es sich nicht hat nehmen lassen, das Eis in die Sandkiste mitzunehmen: „Ich pass' eh auf!“

1999, ich war wohl mittlerweile anderen Eissorten zugetan, denn ich bemerkte die Zäsur gar nicht, verschwand das Tschisi aus den Tiefkühltruhen, wegen sinkender Nachfrage und Produktionsproblemen: Die Maschinen, die die charakteristischen Löcher in das Eis pressten, ließen oft auch das Staberl splittern. Ohne Löcher wollte der Unilever-Konzern das Tschisi aber nicht anbieten – und nahm es aus dem Sortiment.

Ein paar Facebook-Petitionen und 14 Jahre später gab es das Tschisi plötzlich wieder. Ohne Löcher. Trotzdem: Welch aufregendes Gefühl, es nach so vielen Jahren wieder aus der Verpackung (auch die weiße Maus war wieder da!) zu schälen, welche Vorfreude auf den ersten Schlecker! Dann die Enttäuschung: War das früher nicht viel cremiger? Nicht viel vanilliger? Nicht viel großartiger? Wo ist der Geschmack nach Ferien, nach unbeschwerten Nachmittagen, wo ist die Hängematte, der Nussbaum, das Fahrrad? Das neue alte Tschisi schmeckte künstlich, viel zu süß und überhaupt nicht nach Kindheit, wenngleich es angeblich nach dem Originalrezept hergestellt wurde.

Ich aß den Eislutscher also auf. Es war mein letztes Tschisi. Unzufrieden und ein bisschen verärgert war ich dabei, und auch ein bisschen sentimental: Als wäre ein Stück Kindheit damit endgültig abgeschlossen. Beim nächsten Mal an der Eistruhe griff ich zum Jolly. Das mochte ich früher übrigens auch. Glaube ich. Videobeweis gibt es jedenfalls keinen.

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