Siggi Hofer bekommt am Dienstag abend den Otto-Mauer-Preis.
Keine Menschenseele, kein Tier, kein Auto, kein Fahrrad in dieser heiteren Kulturlandschaft, nur hie und da ein Schiff im Strom, der jäh abbricht. Ein tiefer Krater reißt ein weißes weites Nichts in die dicht bebaute Fläche. Nur die Straßen führen weiter, wie blutleere Adern ziehen sie sich über den Abgrund, halten alles zusammen.
Siggi Hofers pastellige Aquarelle von fiktiven Siedlungsgebieten haben etwas Unheimliches. Vielleicht sind es ja die schräge Vogelperspektive, der weitschweifige Landschaftsschwenk über ausgestorbene Infrastruktur wie in einem Horrorfilm. Oder wie bei Egon Schieles kafkaesken Ansichten von Krumau. Oder bei Hubert Schmalix' strengen bunten Dächerwäldern.
Abgründige Bilderbuchästhetik
Doch die Zivilisationskritik ist bei dem 1970 geborenen Südtiroler evidenter, wenn auch nicht direkt lesbar. Zu widersprüchlich bleiben die Bilderbuchästhetik, die an Brettspiele aus seiner Kindheit erinnert, und die Sackgassen, Fallen, Klüfte, die sich zwischen Wohnblöcken, Fabriken, grünen Wiesen und Feldern auftun. „Eines Tages brennt die Idylle, die Häuser im Gebirge, eines Tages fliegt das Haus, in dem der Künstler wohnt, in die Luft, und eines Tages sind ganze Städte bedroht und stehen vor ihrem Untergang“, meinte der Künstler einmal.
Es sind durch Pastellfarben getarnte apokalyptische Szenerien, die Hofer schafft, die das Pathos ähnlicher Ideen aus den Siebzigerjahren allerdings scheuen – eine dicht bebaute Erdscholle etwa hat die Form eines mächtigen Dampfers angenommen, erinnert ein wenig an Hans Holleins mächtigen Flugzeugträger, der eine ganze Stadt in sich beherbergt.
Auf diesem Dampfer aber steht „Land“, in großen schwarzen Lettern, der Schriftzug wirkt konstruiert wie eine große Werbetafel, wie die Holz-Schriftzüge, die Hofer tatsächlich auch baut. Weniger Arche als Turm von Babel ist dagegen das auf „Realität“ getaufte hölzerne Jachtmodell, das einen Aufbau nach dem anderen erhielt, immer windschiefer und windschiefer.
Hofer, der Konzeptkünstler, arbeitet in verschiedenen Medien, auch wenn die Zeichnung sein eindrücklichstes ist; schon als Kind, als Siebenjähriger, war er dabei stilsicher, klebte Papierbögen zu einem eineinhalb mal eineinhalb Meter großen Format zusammen und reihte mit Buntstift fast schon etwas manisch Haus an Haus, Brücke an Brücke.
Bauernhäuser ohne Fenster
In Hofers aktueller Ausstellung in der Kunsthalle Krems aber ist auch ein Video zu sehen, in dem seine Mutter eine Umrisszeichnung seiner „Fallenden Bäume“ grün ausmalt. Oder vier schlichte Modelle von fensterlosen, seriell wirkenden Südtiroler Bauernhäusern – von denen eines mit „Heilige Freiheit“ beschriftet ist.
Was das mit Schiller und mit der Religion zu tun hat, wird heute, Dienstagabend, vielleicht Bischof Egon Kapellari weiterspinnen. Er verleiht Siggi Hofer im Wiener Erzbischöflichen Palais den 1981 eingeführten „Monsignore Otto Mauer Preis“.
TERMINE
■Siggi Hofer (Abb. Selbstporträt) bekommt heute, Di, 19.30h den Otto-Mauer-Preis im Erzbischöflichen Palais.
Ausstellung JesuitenFoyer, Bäckerstraße18, 20.11.–20.12., Mi–Sa 13–18h, So 10.30–13h
Kunsthalle Krems: bis 31.1., täglich 10–17h. [Hofer]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2009)