„Die Slowaken blickten immer nach Österreich“

Die slowakische Revolutionsikone Jan Budaj im Interview.

BRATISLAVA. Die Slowaken hatten im November 1989 ihre eigene Revolution – geprägt von einem euphorischen Blick nach Österreich. „Berlin und Bratislava waren ja die einzigen Großstädte direkt am Stacheldraht“, hebt Jan Budaj im Gespräch mit der „Presse“ hervor. Er war 1989 die schillernde Figur der slowakischen Straße. Die legendäre Wollmütze, die der Hauptredner der täglich größer werdenden Kundgebungen in den kalten Novembertagen oft trug, wurde als „Budajka“ zu einem der Kultsymbole der Wende in der Slowakei.

Wegen der Nähe zum Westen war für Bratislava als formelle zweite Hauptstadt der Tschechoslowakei die Ausgangsposition für die Wende eine andere als im stärker abgeschotteten Prag. „Wir Slowaken haben immer nach Österreich geblickt“, bekommt man in Bratislava immer wieder zu hören. Das ist auch wörtlich gemeint: In der Grenzstadt ließ sich der ORF nie durch Störsender ausschalten. Das bedingte auch manch Kuriosum wie den reißenden Absatz des österreichischen KP-Blatts „Volksstimme“ in Bratislava: Sie enthielt als einzige legal erhältliche Westzeitung das begehrte ORF-Fernsehprogramm. „Anders als in Prag hatte die Diktatur bei uns deshalb nie ein Informationsmonopol hebt Budaj hervor.

Und so hatte die Slowakei auch in der Wende eine in der auf Prag fixierten internationalen Wahrnehmung meist übersehene, treibende Rolle: Einen Tag vor der großen Studentendemonstration in Prag, die als Zündfunke für die „Samtene Revolution“ fungierte, wurde schon in Bratislava demonstriert: „Und wir haben sogar drei Tage früher als Prag den formellen Verzicht der slowakischen KP auf ihr Machtmonopol erreicht“, erinnert sich Budaj: „Das hat die tschechischen Kommunisten in Bedrängnis gebracht, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ebenfalls diesen Machtverzicht auszusprechen.“

Dass beide Teilrepubliken ihre eigene Revolutionsbewegung hatten, überrascht kaum. Formell bestand die ČSSR aus zwei zumindest auf dem Papier gleichberechtigten Republiken mit eigenem Parlament, eigener Regierung und eigener KP. Dass diese Gleichberechtigung nach der Wende nicht mit mehr Leben erfüllt wurde, sieht Budaj als gravierenden Fehler des zunächst ohne demokratische Legitimation agierenden Václav Havel.


Dichterpräsident oder Fädenzieher?

Während sich Havel soeben in Prag zu den 20-Jahr-Feiern von Gästen aus aller Welt feiern ließ, bleibt sein Mythos in der Slowakei angekratzt. Viele Slowaken fühlen sich bis heute von ihm um ihren Anteil an der Wende betrogen. „Mit uns vereinbart war, dass er nur bis zu den ersten freien Wahlen als Übergangspräsident fungieren sollte. Noch dazu sollte ihm ein slowakischer Vizepräsident zur Seite gestellt werden“, kritisiert Budaj.

Dem Klischeebild vom „Dichterpräsidenten“ Havel stellt Budaj das eines machtbewussten Fädenziehers gegenüber, der nicht davor zurückschreckte, sich eilig auch die Kontrolle über die kommunistischen Geheimdienstarchive zu sichern und damit entscheiden zu können, wer in der Öffentlichkeit akzeptiert oder diskreditiert werden konnte. „Die slowakische Bewegung hat er damit ausgeschaltet, dass er mich als ihren Kopf liquidiert hat“, sagt Budaj verbittert.

Ausgerechnet über den unbestrittenen Führer der slowakischen Revolution war plötzlich belastendes Material aufgetaucht, auf, das aber – wie viele andere Geheimdienstakten Prominenter – sogleich wieder als unauffindbar galt, nachdem Budaj auf alle politischen Ämter verzichtet hatte.

Dass die Prager „Burg“ um Havel den slowakischen Anteil an der Wende überging, läutete auch das bald folgende Ende der Tschechoslowakei ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2009)