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Im Akademietheater fegt ein gewaltiger Sturm über "Die Perser"

Vom Ursprung der antiken Tragödie – „Die Perser“ des Atheners Aischylos: Christiane von Poelnitz als Atossa, Markus Hering als Bote und Falk Rockstroh als Vertreter des Ältestenrats.
Vom Ursprung der antiken Tragödie – „Die Perser“ des Atheners Aischylos: Christiane von Poelnitz als Atossa, Markus Hering als Bote und Falk Rockstroh als Vertreter des Ältestenrats.(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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Kritik Michael Thalheimer inszeniert die fast 2500 Jahre alte Tragödie des Aischylos äußerst konzentriert, das Ensemble lässt sich souverän auf das griechische Pathos ein. Von elementarer Wucht ist auch das großartige Bühnenbild.

Nein, viele der Dramen, die seit der Antike gespielt werden, sind nicht veraltet. Arrogante Kuratoren einstiger Berliner Volksbühnen, post-intellektuelle Partyveranstalter der Wiener Festwochen oder künftiger Steirischer Herbste mögen herablassend von überkommenen Formen reden. Aber dass großes Theater aus Traditionen lebt und dabei ziemlich oft modisches Zeug dilettantisch aussehen lässt, hat am Samstag im Akademietheater die Premiere der Tragödie „Die Perser“ demonstriert. Die Inszenierung dieses 1077 Verse umfassenden Dramas des Aischylos, das der mehr als 50 Jahre alte Grieche 472 v. Chr. in Athen aufführte, ist so grandios wie schlicht.

Der deutsche Regisseur Michael Thalheimer hat selbst dieses kurze Stück (in der Nachdichtung von Durs Grünbein) noch konzentrierter dargestellt. Der Chor wird durch einen einzigen Sprecher repräsentiert. Falk Rockstroh spielt den persischen Ältestenrat als Solist. Mit schwarz gehöhlten Augen erzählt er ahnungsvoll vom kriegerischen Abenteuer des mächtigen Königs Xerxes, nennt im Detail Heerscharen aus Asien und Afrika, die gegen widerständige Griechen gezogen sind. (Um bei Salamis 480 vernichtend geschlagen zu werden. Schon zehn Jahre zuvor war Xerxes' Vater Dareios in der Schlacht bei Marathon besiegt worden.)

Nun wartet der Chor auf Nachricht aus dem Westen. Rockstroh rühmt eine Weltmacht, die unbesiegbar schien auf ihrem Rachefeldzug. Man glaubt jedoch bereits etwas Klage herauszuhören aus diesem meisterhaften Text, den Aischylos aus der Perspektive des besiegten Feindes hören lässt.

 

Wenn ein Falke den Adler zerfleischt

Haben die Bogenschützen des Königs gesiegt oder die lanzenbewehrten Griechen? Wie steht es um die Übermacht der persischen Flotte? Das einzige Gegenüber des Chores ist zu Beginn Atossa, an der Rampe stehend. Sie hatte bedrohliche Träume, von zerbrochenem Joch, zerrissenen Kleidern, einem Falken, der den Adler zerfleischt. Aus dem Dunkel war Christiane von Poelnitz als Königinmutter aufgetaucht – gemessen, Schritt für Schritt, ganz in Gold bis zum Antlitz und Haar, mit elendslanger Schleppe, die schließlich fast bis zur Rückwand reicht.

Der von Olaf Altmann geschaffene Bühnenraum ist von elementarer Wucht. Als sich das Dunkel lichtet, sieht man einen mächtigen Kubus, den Eingang zum Grab des Dareios. Man denkt an den Türhüter in Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ oder an Dantes Höllentor: „Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet!“ Hier spürt man dazu noch den irren Sturm der Geschichte. Das Bühnenbild wird zum Akteur. Bei jedem Szenenwechsel schwingt die Decke, die in der ganzen Breite wie massiver Beton wirkte, herab und scheint Atossa wegzufegen. Bert Wredes minimalistische Musik untermalt das Unheil. Von Poelnitz spielt souverän die übertriebenen Gesten, furchtlos zeigt sie ihr ganzes Pathos. Aber wenn sie fragt, wo denn dieses Athen liege, wird befreit gelacht.

Nach dem ersten Stoß erscheint Markus Hering, bis auf die kurze Hose entblößt, als Bote, der wehklagend vom Untergang berichtet. Die Blüte Persiens – vernichtet! Wie ein Wesen aus der Hölle, fahl geschminkt, erscheint diese Figur. Das sich maßlos steigernde, dann wieder abschwellende „Oi!“ des Unheilsbringers, die ersten leidvollen Verrenkungen der Königinmutter sind bewegend, bestürzend und, das gilt für besonders Tragisches, nah schon an der Farce. Hier wird mit heiligem Ernst gespielt, die Emotionen steigern sich bis zur Katharsis.

 

Am Ende ist der Boden blutüberströmt

Ein weiterer Windstoß – der Geist des Dareios erscheint. Branko Samarovski gibt diesen toten König resigniert. Blass und schwarz gewandet auf hohem Kothurn, stützt er sich auf zwei Stöcke. Er weiß um die Hybris. Ihm bleibt nur noch Hohn. Längst hat er geahnt, dass dem überheblichen Sohn ein noch tieferer Fall beschert sein wird als ihm selbst. Trostlos taucht der Schatten in die Unterwelt ab. Seine Gattin soll den in Fetzen heimkehrenden Verlierer tröstend anhören.

Der finale Sturm: Xerxes zerreißt wehklagend sein Gewand, nackt und blutverschmiert kriecht er, während der Älteste diskret nach hinten geht, langsam nach vorn zur Mutter. Sie hält den gescheiterten Kriegstreiber schließlich wie eine Pietà im Schoß. Merlin Sandmeyer spielt den einst mächtigen Herrscher überzeugend in der Niederlage, im Jammer um seine zerstörte Armee ist er nicht zu schlagen. Er bittet den Chor um Hilfe bei der Trauerarbeit. Der spiegelglatte Theaterboden ist inzwischen, nach etwas mehr als 80 Minuten, mit Blut besudelt.

Fast unmerklich ist es nach vorn geströmt. Der Chor begleitet seinen König schließlich in der Klage. Brutal endet sie in einem endlos scheinenden, geradezu nihilistischen Nein. Zum lang anhaltenden, starken Applaus bewegten sich Ensemble und Regieteam auf dem glitschigen Boden vorsichtig oder tänzelnd um Balance bemüht. Sie waren an dem Abend traumhaft sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2017)