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Manchester-Attentat: Welle der Solidarität in einem Meer der Trauer

Der Selbstmordattentäter von Manchester schlug am Ende eines Konzerts der US-Sängerin Ariana Grande zu. Der Schock sitzt tief in der Stadt, deren Bürger große Hilfsbereitschaft zeigten.
Der Selbstmordattentäter von Manchester schlug am Ende eines Konzerts der US-Sängerin Ariana Grande zu. Der Schock sitzt tief in der Stadt, deren Bürger große Hilfsbereitschaft zeigten.(c) APA/AFP/BEN STANSALL
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Nach dem verheerenden Attentat auf ein Popkonzert suchen verzweifelte Eltern nach ihren vermissten Kindern. Taxifahrer bringen sie gratis durch die Stadt. Der IS bekennt sich zu der grauenhaften Bluttat.

Die Schreie des Entsetzens sind gespenstischer Stille gewichen. In dem Gebiet um den Bahnhof Manchester Victoria, wo an einem normalen Wochentag Hunderttausende Menschen ihre Züge wechseln, auf ein Taxi warten oder sich rasch auf dem Weg in die Arbeit mit einem Kaffee stärken, waren gestern, Dienstag, die Ermittler in einem weiträumig abgesperrten Areal tätig. Sie suchten Hinweise und Spuren zu den Hintergründen des „feigen Anschlags“ (so Premierministerin Theresa May) von Montagabend, der in Manchester mindestens 22 Tote und 59 Verletzte gefordert hatte und zu dem sich mittlerweile die Terrormiliz Islamischer Staat bekannt hat.

Aus Ermittlungsergebnissen und Augenzeugenberichten ist bisher bekannt, dass eine Bombe um 22.23 Uhr Ortszeit zum Ende eines Konzerts des US-Popstars Ariana Grande in der benachbarten Manchester Arena detonierte. Der selbst gebaute Sprengsatz wurde von einem Selbstmordattentäter im Foyer des Konzertsaals gezündet. „Wir hörten einen ohrenbetäubenden Knall, und dann sind wir einfach gelaufen“, berichtete eine Augenzeugin.

Während die Sprengkraft der Bombe nach Polizeiermittlungen gering war, entfaltete sie ihre tödliche Wirkung durch die vielen Geschosse, die „überall durch die Luft flogen und alles durchbohrten“, wie ein anderer Augenzeuge berichtete. Der Attentäter hatte die Bombe mit Nägeln versehen. Zudem war das Foyer zum Zeitpunkt der Zündung mit Menschen gefüllt. Das Konzert von Grande hatten 21.000 Fans besucht, die großteils noch so jung waren, dass ihre Eltern sie nach der Veranstaltung abholen kamen.

Grande hat vor allem unter Kindern und Jugendlichen ihre größten Fans. Ums Leben kam unter anderem die achtjährige Saffie Rose Roussos, die das Konzert gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter besucht hatte. Unter den 59 Verletzten des Anschlags waren nach Angaben von Gesundheitsminister Jeremy Hunt zwölf Kinder unter 16 Jahren.

Zugleich suchten gestern verzweifelte Eltern immer noch nach vermissten Kindern. „Ich fuhr die ganze Nacht“, berichtete ein Vater. Ganz Manchester erfasste in einem Meer der Trauer eine Welle der Solidarität. In Radioaufrufen wurde nach Vermissten gesucht, Menschen stellten ihre Kontakte in sozialen Netzwerken zur Verfügung, Taxifahrer brachten Eltern kostenlos durch die Stadt. „What makes Britain great/Makes Manchester yet greater“, heißt es in einem Song der Popgruppe The Beautiful South. Gestern bewahrheitete sich diese Zeile wieder einmal.

Attentäter war Brite

Premierministerin May gab bekannt, dass die Polizei die Identität des Attentäters kenne; der Öffentlichkeit wurde diese erst am Montagabend mitgeteilt: Salman Abedi, 22 Jahre alt, 1994 in Manchester geboren, zweites von vier Kindern eines Paares, das aus Libyen geflohen war. Medien berichteten zudem, dass die Familie auch in der Nähe des Konzertsaals in Manchester gewohnt habe.

Gegen Mittag wurde ein 23-jähriger Verdächtiger im Süden von Manchester festgenommen. Wenig später lösten Sprengstoffexperten an einem anderen Ort eine kontrollierte Explosion aus, „in Zusammenhang mit der Untersuchung des schrecklichen Anschlags der vergangenen Nacht“, wie die Polizei mitteilte.

Das Schicksal der jungen Opfer und ihrer Eltern erfasste die britische Öffentlichkeit mit großer Wucht. Von Politikern bis Sportstars, von Musikern bis Fernsehprominenz wurden Botschaften der Bestürzung und der Trauer verbreitet. Die Fußballvereine Manchester City und Manchester United überwanden ihre traditionelle Rivalität und brachten ihre „große Erschütterung“ zum Ausdruck.

IS droht: „Das ist erst der Anfang“

Die britischen Oppositionsparteien und die Regierung verurteilten das Attentat scharf, der Wahlkampf für die Parlamentswahl am 8. Juni wurde vorerst ausgesetzt (siehe nebenstehenden Artikel).

Die Terrormiliz IS soll wenige Minuten vor dem Anschlag eine Nachricht verbreitet haben, in der es neben der schwarzen Flagge der Organisation hieß: „Ihr habt auf die Bedrohung durch uns vergessen? Das ist der gerechte Terror.“ In einem Bekennervideo nach dem Anschlag erklärte ein vermummter Mann: „Das ist erst der Anfang.“

Der Anschlag in Manchester war der schwerste in Großbritannien seit dem Terrorangriff auf die Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005, bei dem 52 unschuldige Opfer und die vier Attentäter ums Leben gekommen waren. Die Täter kamen aus dem heimischen Jihadisten-Milieu und hatten sich in Afghanistan, dem Irak und Syrien radikalisiert. In Syrien allein sollen rund 850 Briten im Einsatz sein, vorwiegend aufseiten des IS, wie etwa der Henker „Jihad John“, den sein britischer Akzent überführte. Angesichts der Niederlagen des IS auf den Schlachtfeldern hatten die Geheimdienste vermehrt Bemühungen von Briten um die Rückkehr in die Heimat registriert – wo ihnen langjährige Haftstrafen drohen. Daher tauchen viele in den Untergrund ab, wo neuer Terror wächst.

 

Erhöhte Polizeipräsenz

Trotz des Anschlags beließen die Behörden die Terrorwarnung gestern auf der zweithöchsten Stufe „ernst“. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich „wachsam“, aber nicht „alarmiert“ zu verhalten. An neuralgischen Orten wie Verkehrsknotenpunkten wurde die Polizeipräsenz spürbar verschärft. „Niemand wird uns brechen können“, erklärte May. „Wir stehen gemeinsam mit Manchester in dieser dunklen Stunde.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2017)