André Charles Boulle: Tischler des Sonnenkönigs

Die opulentesten Barockmöbel stammen von André Charles Boulle. Eine Luxusausstellung über einen Luxuskünstler.

Ulrich Schneider, Direktor des Museums für angewandte Kunst in Frankfurt, steht mitten in seiner Sonderausstellung und blickt verzückt – lüstern starrt eine pausbäckige goldene Satyrsfratze von einer Schreibtischlade zurück. „Was glauben Sie, auf welchen Körperteil dieser Kopf starrte, wenn jemand an diesem Tisch saß?“, fragt Schneider schelmisch. Aber hallo! Im Barock sei eben alles vor einer erotischen Folie zu betrachten.

Dass André Charles Boulle (1642–1732) ganz nebenbei auch der Begründer des modernen Kanzleiwesens war, vergisst Schneider trotzdem nicht zu betonen: Von Boulle stammen die ersten frei im Raum stehenden Schreibtische, von denen aus der Kaiser, König oder Edelmann den Bittsteller schon beim Eintreten fixieren konnte. Davor saßen die Mächtigen an Sekretären an der Wand, mit dem Rücken zur Türe.

„Ebeniste du Roi“

Boulle gilt als einer der einflussreichsten Möbelkünstler des Barock, er war der „Ebeniste du Roi“, der Kunsttischler des Königs, und zwar des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Seine Ornamente waren die feinsten, seine Arabesken schimmerten im Kerzenlicht am lebendigsten, seine Kandelaber bestanden aus vergoldeten Bronzeplastiken, aus sich verschlingenden Drachen und Eidechsen.

Die Frankfurter Ausstellung, die erste große internationale Boulle-Ausstellung, wird dem Zauber und Anspruch seiner Möbel gerecht: Die Schau wurde eigens von einem chilenischen Jetset-Innenarchitekten gestaltet. Ist Juan Pablo Molyneux sonst fürs Interiordesign von Luxusvillen zuständig oder für die Einrichtung der Boeing 737, hatte er diesmal ein kühles Richard-Maier-Museum in eine dekadente Höhle der Opulenz zu verwandeln.

Was ihm ausgesprochen gut gelungen ist: Molyneux tapezierte die Räume mit einer schwarzgrau glänzenden Tapete, deren dezente Muster Ornamente von Boulle-Möbeln wiederholen – „eine Sauarbeit“, wie Direktor Schneider betont. Die Schirmherrschaft von Frankreichs Präsident Sarkozy und dessen deutschen Kollegen Horst Köhler machte es wohl möglich.

Der sich in den Tapeten wiederfindende, unglaublich aufwendige Dekor war jedenfalls Markenzeichen von Boulle. Die Oberflächen seiner Tische, Kästen, Kommoden sind feinst zusammengesetzte Intarsienkunstwerke aus exotischen Hölzern, Elfenbein, Schildpatt, ein besonderes Glänzen und Schimmern (im Flackern der Kerzen) verlieh er ihnen, indem er als Erster seiner Zunft Bleche aus Zinn, Kupfer und Messing verwendete.

Außerdem wirken Boulle-Möbel durch verstärkt skulpturale Elemente besonders dramatisch – als einer der Ersten hat er eigenständige, vergoldete Bronzeplastik eingebaut, meist Köpfe, aber auch ziemlich lebensechte Hummer wie am Fuß eines Barometers und Thermometers für den Grafen und Admiral von Toulouse.

Die berühmte „Boulle-Marketerie“ aber bezieht sich auf die gemäldeartigen Oberflächen, in höchster Meisterschaft zu sehen an einem Schrank aus der Sammlung der St.Petersburger Eremitage um die Zeit von 1690 bis 1700: Aus verschiedenfarbenen Hölzern wurden zwei prächtige Blumenstillleben auf Sockelaufsätzen arrangiert.

Für dieses raffinierte Kunsthandwerk wurde Boulle, gerade 30 Jahre alt, die höchste Ehre der französischen Monarchie zuteil – eine Wohnung und Werkstätte in den Galerien des Louvre, dem privilegierten internationalen und interdisziplinären Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Handwerk in Paris. Auf 1000 Quadratmeter, dort, wo heute die Nike von Samothrake steht, erzeugte Boulle mit 150 Mitarbeitern seine High-End-Prestigeobjekte, Statussymbole für das Königshaus und den hohen Adel.

Drucken mit Tischplatten

Dabei war Boulle, Sohn des eingewanderten deutschsprachigen Tischlers Johann Bolt aus dem Herzogtum Geldern, ein Hansdampf in allen Gassen – er war Bronzegießer, Ziseleur und Kunsttischler in einem. Die Ausstellung zeigt eigenhändige Rötelzeichnungen, Tischplatten aus Metallfolien, die Boulle als Druckplatten verwendet hat, Kerzenständer, Möbel, Barometer. Uhren waren der wichtigste Teil der Produktion, erklärt Schneider.

Gemeinsam mit den beiden französischen Kunsthistorikern Jean Nérée Ronfort und Jean Dominique Augarde hat er rund 100 Werke Boulles von 44 Leihgebern aus sieben Ländern zusammengetragen. Skurriler Endpunkt der Ausstellung ist eine mächtige meterlange Tafel mit üppiger Plastik-Intarsienplatte – die Hommage des Ausstellungsarchitekt Molyneux an Meister Boulle. Um den Preis von 500.000 Dollar wandert sie demnächst in eine kalifornische Millionärsvilla.

Bis 31.Jänner. www.angewandtekunst-frankfurt.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2009)

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