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Wien um 1930: Kampf der Kulturen

(c) APA
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Eine große Ausstellung über Wien um 1930 im Künstlerhaus: Sie dokumentiert eine kurze Blüte, Verfall und Untergang der Ersten Republik.

Die Zuwanderung hat ein Ausmaß erreicht, das den Kommentator erzürnt: „Das Ausländertum nimmt derzeit eine solche Ausdehnung an, dass man bald nicht weiß, ob man daheim Ausländer oder Inländer ist.“ Die betroffene Stadt: Wien. Der Schreiber: ein Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“. Die Zeit: Oktober 1918. Das Reich der Habsburger befindet sich am Ende des Ersten Weltkrieges in Auflösung, langsam formieren sich die Lager der Ersten Republik, die nach einer Phase der Anarchie und einem kurzen Aufschwung in einem mörderischen Jahrzehnt der Konfrontation endet. Der Kampf zwischen Sozial- und Christdemokraten, der Aufschwung der Nationalsozialisten erfolgte in den Jahren um 1930, die auch einen radikalen kulturellen Wandel bedeuteten. Und die Positionen müssen sich erst klären, wie das Beispiel oben zeigt.

Wien lag im Fokus dieser Auseinandersetzungen. Das Wien Museum zeigt nun diese kurze Ära in allen Facetten, in einer großen Schau im Künstlerhaus: „Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930“, nennt Direktor Wolfgang Kos sein Baby. Er hat sich dessen unter Mithilfe von zwei Dutzend Wissenschaftlern persönlich als Kurator angenommen und will an die großen Wiener Ausstellungen an diesem Ort vor einem Vierteljahrhundert anschließen.

1800 Exponate auf 2000 Quadratmetern: Das erfordert selbst bei rascher Auffassungsgabe mehrere Stunden Beschäftigung, allein der Kunst gilt eine Schau innerhalb der Schau, die für sich einen Besuch wert wäre, aber die 17 Räume sind durchdacht angelegt, sehr abwechslungsreich und mit allerhand technischen Spielereien versehen.

 

Lichter der Großstadt

Bereits in der Eingangshalle läuft eine Art Trailer; über mehrere Projektoren sieht man Dokumentarfilme, hört Tonbeispiele. Im ersten Raum großes Kino mit historischen Aufnahmen, Straßenszenen, Fotosequenzen von Lothar Rübelt, ein Motorrad der Marke Puch, eine Benzinpumpe, Osram-Lampen im Musterkoffer für Vertreter. Die Großstadt protzt mit Licht. Plakate von Wolkenkratzern, die Stadt möchte wachsen. Das erste Hochhaus aber hat nicht das „Rote Wien“ gebaut (das setzte, wie ein eigener Raum zeigt, auf Breite, mit grünen Städten innerhalb der Stadt, die weltberühmten Gemeindebauten), das erste Hochhaus ließ die christlichsoziale Regierung von den Architekten Theiss und Jaksch 1931/32 errichten.

Das Projekt in der Herrengasse war als großer Gegenentwurf zu den roten Hochburgen gedacht, mit denen die Sozialdemokraten innerhalb eines Jahrzehntes zehntausende Wohnungen für ihre Klientel errichtet hatten. Wahlplakate zeigen den Finanzstadtrat Hugo Breitner, der 1923 die Wohnbausteuer und andere progressive Steuern eingeführt hat, einerseits als Wohltäter, der Champagner trinkende Kapitalisten zur Kasse bittet, andrerseits als einen roten Teufel, der die Knute schwingt, mit trotzkistischen Attributen von der Brille bis zum Spitzbart. In Modellen werden die Errungenschaften der modernen Wohnungen deutlich, auch das Amalienbad wirkt programmatisch für den Fortschritt.

 

Willi Forst als Zuhälter

Ein organischer Übergang zu den liebsten Freizeitgestaltungen der Wiener, die zuvor nur verrucht angedeutet waren: Willi Forst als Zuhälter und Marlene Dietrich blutjung im Film „Café Elektric“ (1927), im Umfeld lasterhafter Plakate. Nun aber geht es harmlos ins Gänsehäufel, zum Heurigen, auf die eben erbaute Höhenstraße. In diesen Räumen dominieren Objekte aus dem Alltag – Bademode, Bauskizzen, ein Koloniakübel, Ski. Ein großer Bereich ist der Landflucht der Wiener in die Alpen gewidmet, das Gegenbild zu Metropolis: Schneebilder von Walde, Bergbauern bei der Arbeit auf Fotos von Kopitz, allerlei Tracht und Dokumente der Wanderlust, frühe Naturfilme. Die Wandervögel, Hakoa, die Nazis, sie alle wollten hinaus aus grauer Städte Mauern. Ein Prachtstück dieser Scheinidylle: die Lederhose der allgegenwärtigen Marlene Dietrich, von ihr sieht man zuletzt auch noch in der Abteilung, die das neue Rollenverhalten von Männern und Frauen illustriert, einen Sommeranzug, ebenfalls von 1930. Er sieht im Umfeld von Bubikopf-Vamps, mit recht kurzen Kleidern, ziemlich vornehm aus. Denn der Tenor hier lautet: Weg mit dem Korsett! Freiheit! Freiheit jetzt! „Die Girl-Kultur“ (1925) hat ein Buch von Fritz Giese zum Titel, in dem er die Zustände in den USA mit denen in Europa vergleicht.

Im Finale, wie zur Erholung, sieht man neben Mode, dem massenhaften Einsatz der Reklame und den hässlichen, rassistischen Skandalen um Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ sowie den Auftritten von Josephine Baker vor allem auch eine feine Retrospektive österreichischer Kunst. Nicht nur Werke von Stars wie Kokoschka, Boeckl, Kolig und Wotruba, sondern auch solche von fast vergessenen Meistern der neuen Sachlichkeit und der Avantgarde. Architektur, Kunsthandwerk, Möbel wie etwa ein Patentküchenschrank runden dies ab.

Zuvor aber dominieren über fünf Räume Politik und Wirtschaft, beginnend mit „Prekäre Zeiten“, die dramatisch steigende Arbeitslosigkeit und wachsende politische Spannungen dokumentieren. Über die neuen Medien, Funk und Film, wurde dieser Kulturkampf ausgetragen. In einem „Museum der Stimmen“ kann man Reden hören, von Schuschnigg etwa und von Sportreportern im Prater. Das ist massentaugliche Rhetorik; jeder hat anscheinend gebrüllt, und alle sind sie marschiert, die Nazis und die Nonnen, die Sozis und die Heimwehr.

 

Kruzifixe, Kruckenkreuze, Arbeiterfäuste

Die Themen, die entzweiten: Zuwanderung, Gesamtschule, Kruzifixe in Klassenzimmern, die Umverteilung, die rote und schwarze und braune Gefahr. Ungeniert bediente man sich wechselseitig der Symbole; eine Arbeiterfaust mit Hammer erhält ein christliches Kruckenkreuz, die Aufmärsche der Linken werden zelebriert wie Hochämter. Die Geschichte führt ins Desaster. Justizpalastbrand 1927, Bürgerkrieg 1934, Mord an Kanzler Dollfuß, dazu als Garnierung ein Maschinengewehr, ein Sattel, Säbel, und das Plakat, das Karl Kraus an den gnadenlosen Polizeipräsidenten Schober adressierte: „Ich fordere Sie auf abzutreten.“

Immer schriller werden die Plakate, immer weniger sind sie zu unterscheiden in ihrem Hass. So erhält die Geschichte des Untergangs in dieser profunden Schau über das Zeitalter der Nervosität eine fast zwingende Logik. Hier sind die Dämonen zu Hause.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2009)

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