Orte der Träume: Text-Landschaften

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Wo sind die Orte der Träume, wo sind die Orte, die österreichische Literatur beeinflussen, prägen, erwecken? Sechs Autorinnen geben Auskunft.

Hinterstoder - Brita Steinwendtner

Die Autorin und Regisseurin Brita Steinwendtner ist eine Expertin für Orte – hat sie doch ein ganzes Buch über Dichterlandschaften verfasst, „Jeder Ort hat seinen Traum“. Auf den Spuren von Chatwin, Handke oder Hildesheimer bereiste sie Gegenden und Psychen und entwarf eine „Geografie von Wirklichkeit, Imagination und Inspiration“. Wie steht es mit ihren eigenen Traumlandschaften? Privat ist die zierliche, blonde Frau mit der schwarzen Lederjacke hingerissen von Sri Lankas Südostküste, von den nordamerikanischen Weiten oder den Chiricaua Mountains. Spricht man sie aber auf Öster-reich an, fällt ihr zuerst ein Sackgassental ein.

Die Rede ist von Hinterstoder im Süden Oberösterreichs, von einer Region, die so richtig aus der Welt ist – im Sommer. Denn im Winter befindet sich hier ein turbulentes Skigebiet, „halb Bayern, ganz Oberösterreich und halb Tschechien versammelt sich“, lächelt Steinwendtner. Sie wuchs umgeben von den Gipfeln des Toten Gebirges auf, am Bergbauernhof: „In Hinterstoder sehe ich meinen Anfang. Ich habe lebhafte Erinnerungen seit dem zweiten Lebensjahr.“ Die ersten Eindrücke waren stark, „da sind die Bomber drüberflogen, das ganze Tal hat gedröhnt“. Doch vor allem die schönen Dinge gruben sich ein: Bäume, Gerüche, der Wechsel des Lichts. „Im Winter hatten wir fast zwei Monate keine Sonne, nur den Widerschein von der südlichen Talseite – im Sommer geht die Sonne den ganzen Gebirgszug entlang und hat in jedem Monat ihre charakteristischen Einschnitte.“ Als Kind trieb sie die Kühe auf die Weide, und die Landeindrücke prägten sie: „Der Stier bespringt seine Kuh – oder ein junges Lamm kommt, zwei ausgestreckte Hände entfernt, auf die Welt.“ Besonders beeindruckt hat Brita Steinwendtner, die für ihren ersten Roman „Rote Lackn“ Inspirationen von Hinterstoder mitnahm, immer schon das Schild am Ende des Tales: „Bahnhof Klachau: 12 Stunden.“

Mühlviertel - Andrea Winkler

Die Sprachkünstlerin Andrea Winkler wuchs in Freistadt im Mühlviertel auf, einer Landschaft, die für sie trotz des rauen Klimas etwas Sanftes hat: „Mitunter öffnet sich der Raum schon, wenn man nur ein wenig bergauf geht.“ Meistens bedeuten ihr ganz kleine, ganz konkrete Punkte etwas: „Für andere sind diese Orte wahrscheinlich unwichtig – zum Beispiel die Feldaist, wenn sie im Winter zugefroren war und ich darauf Eis laufen konnte. Oder Waldwege, verborgene, stille Plätze, die ich lange kenne und immer wieder aufsuche.“ Winkler beschreibt Erfahrungen, wie sie jeder aus der Kindheit kennt, jener Zeit, in der man wohl am konservativsten ist: „Ich mag leider gar nicht, dass sich da etwas verändert.“ Dabei ist sie sich gar nicht sicher, ob sich konkret Geografisches in ihren Texten spiegelt. „Das weiß ich gar nicht“ –
wenn ja, dann kommt es aus der realen Bewegung.
Reale Tipps hat sie auch: „Besuchern würde ich zum Beispiel raten, nach Sandl zu den Rosenhofer Moorteichen zu fahren, zu baden und sich anschließend im Wald zu verirren. Und ich empfehle die gänzlich unspektakuläre Fahrt mit der Summerauer Bahn. Wehe, wenn sie von Linz nach Freistadt einmal weniger lang braucht als eine gute Stunde!“

Südsteiermark - Linda Stift

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Linda Stift, Autorin der viel beachteten Romane „Kingpeng“ und „Stierhunger“, kann nicht sagen, inwiefern die Südsteiermark sie prägte – doch die Gegend zwischen Spielfeld, Ehrenhausen und Gamlitz steckt tief in ihr. „Ich bekomme eine Art Heimweh, wenn ich daran denke. Ich trage diese Landschaft mit mir herum.“ Ihre Großeltern besaßen in Spielfeld einen Weingarten, der inzwischen dem Großwinzer Polz zufiel: „Dort hab ich heiße Kindersommer verbracht, bin durch die Weinberge strawanzt. Einmal bis nach Jugoslawien, wo mich ein Grenzbeamter mit den Worten ,Kleine, geh retour‘ zurückscheuchte.“ Linda Stift lobt die Sanftheit der Landschaft, die bunten Blätter im Herbst, die schnarrenden Klapotetze. „Die Menschen sind wohl wie überall. Sie versuchen, den maximalen Gewinn aus der Landschaft zu holen, und das holt nicht immer das Beste aus den Menschen heraus.“

In ihrer Literatur generiert sie eher ein städtisches Milieu. „Aber die Südsteiermark reflektiert sich als ein ständiges Grauen: So schön sie von außen ist, so brutal und hoffnungslos kann es zugehen.“ Stift verweist auf die hohe Selbstmordrate und den Alkoholmissbrauch; doch daneben fallen ihr auch gleich die Kastanien im Herbst ein, die Brettljause (geräucherter Schinken, Verhackert, Leberwurst, Bauernbrot), der Käferbohnensalat mit Rettich, die staubgezuckerten Strauben und Nusspotitzen. „Danach braucht man Schnaps, denn Kaffee gibt es in einer echten Buschenschenke keinen.“
Geheimtipp ist die Südsteiermark keiner mehr. „Vielleicht sollte man die Touristen woanders hinbringen? Man könnte sie, statt wie sonst die Asylwerber, über die Grenze nach Slowenien abschieben, dort ist es eventuell sogar noch schöner“, resümiert Linda Stift, „eine
Gegend, die mit dem Verstreichen der Zeit immer märchenhafter wird.“

Salzkammergut - Bettina Balàka

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Bettina Balàka empfindet es als Privileg, in Salzburg aufgewachsen zu sein, in unmittelbarer Nähe ihrer Sehnsuchtslandschaft: „Man musste nur hinter dem Haus den Berg hinauffahren, und wenn man auf der anderen Seite herunterkam, tauchte man ein in jenes Kunstwerk aus Bergen und Seen, das Salzkammergut.“ Die hohe Anzahl der Sagen, die die Entstehung der Landschaft thematisieren, wundert sie gar nicht: „Ich habe bis heute keinen Zweifel daran, dass Gott, der Teufel, Zauberer und Almgeister höchstpersönlich involviert waren.“ Sie hält Landschaft nicht nur für Topografie, sondern auch für einen metaphysischen, mehr noch, einen materiellen Aufbewahrungsort für Geschichte. „Man kann den Feuerkogel als atemberaubend schönes Bergplateau sehen, man kann sich aber auch vorstellen, wie über ihm 1945 der Widerstandskämpfer Albrecht Gaiswinkler aus einer britischen Halifax-Maschine absprang, mit dem Auftrag, den auf Urlaub am Grundlsee vermuteten Reichspropagandaminister Goebbels außer Gefecht zu setzen.“

Vor der viel gefürchteten Menschenschlange an der Schafbergbahn warnt Balàka nicht, ihrer Meinung nach lohnt sich die Wartezeit, denn an klaren Tagen sieht man von oben acht Seen – darüber schrieb sie auch in ihrem Buch „Der langangehaltene Atem“. Sie plädiert dafür, die eine oder andere verregnete Woche im Ausseerland zu verbringen oder in einem verschneiten Winter durch das Almtal zu stapfen. Nachteile? „Leider ist auch in viele Gasthöfe des Salzkammerguts das Grauen der Convenience-Produkte eingezogen, hervorragend essen kann man noch in der ,Post am See‘ in Grundlsee.“

Baden bei Wien - Rosemarie Poiarkov

Für ein Kind gibt es in Baden bei Wien alles, erzählt Rosemarie Poiarkov: „Sogar eine eigene Straßenbahn und eine Hauptstadt in der Nähe!“ Sie begriff erst sehr spät, dass es sich bei ihrer Heimatstadt Baden um eine Kleinstadt handelte, die nicht einmal im Zentrum Niederösterreichs lag. „Dass St. Pölten und nicht Baden das Rennen um die niederösterreichische Landeshauptstadt machte, ist ein Fehler, der sicher irgendwann behoben werden wird.“

Die Biedermeierstadt, in der schon der Kaiser zur Sommerfrische weilte, lässt die guten alten Zeiten hochleben. Für Poiarkov begannen diese indes in Badens „Klein-Manhattan“, jener Gegend, in der in hoher Dichte hohe Häuser stehen. Dahinter ein paar Heurige mit weinumrankten Gärten, in denen Einheimische sitzen. „Als Kinder gingen wir zur nahegelegenen Schwechat oder sammelten aus den Containern der hässlichen ,Veranstaltungshalle‘ Blocks und Kugelschreiber von Parteikongressen.“ Später verbrachte sie ihre Nachmittage am Beethoventempel im Kurpark. „Als für mich das Nachtleben begann, fiel mir das Biedermeier mitsamt seiner normierenden Bürgerlichkeit auf den Kopf.“
Zwischen Burgruinen und Heilquellen befanden sich plötzlich nur Superlative, das größte Casino Mitteleuropas, die größte voll klimatisierte, frei mit einem Glasdach überspannte Therme Europas, wodurch sie eines Tages bilanzierte: „Baden ist schön, aber ich mag schöne Städte nicht sonderlich.“ Dennoch kann sie sich den idyllischen Spazierwegen im Helenental ebenso wenig entziehen wie dem Reiz der geheimnisvollen Gärten der herrschaftlichen Häuser. Und außerdem: „Wer sich im Kurpark gerne zu Livemusik in Fin-de-siècle-Atmosphäre mit alten Leuten berauscht, wird von Baden nie mehr wegwollen!“

Ramsau/Obersteiermark - Olga Flor

Die Ramsau, ein Hochplateau zwischen Schladming und dem Dachstein, liegt „wie ein Balkon über dem Ennstal“, erzählt Olga Flor (Nominierung Buchpreis 2008). Hier hat ihre Familie Jahr für Jahr, vor allem im Sommer, in einem einräumigen Holzhaus einige Wochen verbracht. „Sehr grün, dieses moosige Grün, und sehr wasserreich“, beschreibt sie die Gegend. „Hier aß ich das erste Mal in meinem Leben Speck – und griff zum ersten Mal an einen geladenen Weidezaun, mit Absicht, denn ich wollte mir beweisen, dass ich stark und mutig genug war. Mich überraschte, dass der Schmerz sofort vorbei war, dass man, hatte man eine Hand auf den Draht gesetzt, die zweite problemlos folgen lassen konnte, dass das Fließen des Stromes durch den Körper selbst überhaupt nicht zu spüren war, nur der erste Ansatz. Später wiederholte ich das Experiment noch ein paar Mal, um den Kitzel der Erwartung zu wiederholen, die Handflächen vor Aufregung schon vorher feucht, als wollten sie dem Stromkreis helfen, sich zu schließen . . .“

Das vom Tal aus uneinsichtige Hochplateau sei abgeschieden genug gewesen, um ein Rückzugsgebiet des Geheimprotestantismus zu sein: „Man zeigte uns die in der Holzverkleidung alter Bauernhäuser eingelassenen Verstecke übersetzter Bibeln.“ Landschaftsbeschreibung ist für
Olga Flor nie Selbstzweck, kann aber aus formalen und inhaltlichen Gründen wichtig sein: „Die Ramsau ist nie in einem meiner Texte aufgetaucht, aber mein Roman ,Talschluss‘ spielt in einem inneralpinen Hochtal, dessen Topografie ich mir allerdings nach eigenen Vorstellungen zusammenbastelte.“

Bettina Balàka, Im Packeis, Deuticke 2001.
Eisflüstern, Suhrkamp 2009.

Olga Flor, Talflut, Zsolnay 2005.
Kollateralschaden, Zsolnay 2008.

Rosemarie Poiarkov, Eine CD lang, Zsolnay 2001.
Wer, wenn nicht wir?, Czernin 2007.

Brita Steinwendtner, Rote Lackn, Haymon 1999.
Jeder Ort hat seinen Traum, Haymon 2007.

Linda Stift, Kingpeng, Deuticke 2005.
Stierhunger, Deuticke 2007.

Andrea Winkler, Arme Närrchen, Droschl 2006.
Hanna und ich, Droschl 2008.

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