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Zwei Unbekannte an der Spitze Europas

(c) EPA (DIRK WAEM)
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Europa ist verblüfft: Die Britin Catherine Ashton wird "EU-Außenministerin", der Belgier Herman van Rompuy Ratspräsident.

Europa ist verblüfft: Zwei bislang in der Öffentlichkeit unbekannte Politiker werden die ersten Amtsinhaber der neuen EU-Topjobs. Am Donnerstagabend bestellten die Staats- und Regierungschefs in Brüssel die britische EU-Handelskommissarin Catherine Ashton von den Sozialdemokraten zur ersten „EU-Außenministerin". Der erste gestärkte Ratspräsident ist Belgiens Premier Herman Van Rompuy als Vertreter der Konservativen. Wochenlang hatten die Länder um eine Entscheidung gerungen, am Donnerstag gab es Lob, aber auch viel Kritik an der Besetzung. „Wer ist das", fragte als einer der Ersten der Ex-EU-Kommissionspräsident Romano Prodi nach der Wahl von Ashton. Als „Außenministerin" wird Ashton auch Vizechefin der Kommission sein. Auch van Rompuy kämpft als Vertreter eines kleinen EU-Landes dagegen, ein „Leichtgewicht" zu sein.

„EU-AUSSENMINISTERIN"
Catherine Ashton, Großbritannien

Sogar im eigenen Land erntete Ashton Staunen. Erst seit Oktober 2008 ist sie in der Kommission, immer noch ist ihr europapolitisches Profil unscharf. Dennoch - oder deswegen? - soll die 53-jährige Ökonomin die EU nach außen vertreten. Zwar wird ihr in Brüssel von Diplomaten konzediert, „einen guten Job gemacht zu haben". Mehr als eine zweite Amtszeit in der Kommission hätte ihr vor wenigen Tagen in London aber kaum jemand zugebilligt. Denn etwa in der traditionell heftig geführten Europa-Debatte in Großbritannien war sie zuletzt nie präsent. Bemerkenswerte Stellungnahmen von ihr zu EU-Themen sind nicht in Erinnerung.

Die zweifache Mutter begann ihre politische Karriere ganz links außen, um schließlich als Baroness Catherine Ashton of Upholland, ihrem Geburtsort, ins britische Oberhaus einzuziehen. Ashton ist mit dem Meinungsforscher Peter Kelner verheiratet, der drei Kinder mit in die Ehe brachte.

RATSPRÄSIDENT
Herman van Rompuy, Belgien

Der neue Ratspräsident heißt Herman van Rompuy. Der belgische Ministerpräsident ist in seiner Heimat ein Monument, weil er in beiden Landesteilen, im frankofonen Wallonien und im niederländisch-sprachigen Flandern, respektiert wird. Van Rompuy gilt als bescheiden, er agiert gern hinter den Kulissen und erfüllt das Anforderungsprofil für den ersten EU-Ratspräsidenten. Er ist polyglott, spricht fließend Niederländisch, Französisch und Deutsch. Der frühere Parlamentspräsident hat Erfahrung, ist aber kein charismatischer Politiker, der als EU-Präsident anderen europäischen Regierungschefs mit spektakulären Auftritten die Show stehlen würde - sicherlich ein Grund für die Entscheidung von Donnerstagabend. Und van Rompuy ist geduldig und solide, ein Sanierer und Brückenbauer, der Kompromisse schmieden kann. Fähigkeiten, die in der EU notwendig sind.

Der 62-jährige Christdemokrat ist Ökonom, der auch Philosophie studierte, hat bereits eine lange politische Karriere hinter sich. Nach seinen Studien begann er bei der belgischen Zentralbank (1972-1975). 1993 wurde er Vizepremier und Budgetminister im Kabinett von Jean-Luc Dehaene. Das Team Dehaene/van Rompuy sanierte den belgischen Staatshaushalt, reduzierte die hohe Schuldenlast und machte das Land somit fit für den Euro. Von 1972 bis 1975 war van Rompuy Vizechef der flämischen Christdemokraten.

Der bisherige belgische Regierungschef ist ein Intellektueller. Van Rompuy ist Autor zahlreicher Bücher. Darunter sind Werke über das Christentum, ein Buch über die Hoffnung und das Tagebuch eines Fünfzigjährigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2009)