Essl Museum: Ein eleganter Zuwachs

Videoinstallation ''A Voyage in Dwelling''
Videoinstallation ''A Voyage in Dwelling''(c) Jesper Just
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Zum zehnten Geburtstag ihres Privatmuseums luden die Essls zehn Institutionen von Tokio bis Salzburg ein. Sie dürfen mit Essls Geld shoppen gehen.

Überlebensgroß liegen Lunge, Leber, Herz, Darm, Geschlechtsteile verstreut in einem Raum, wie nach einer seltsamen rituellen Seidenpolsterschlacht – und sie alle heben und senken sich, ganz ruhig, ganz regelmäßig, als würde ihnen ein gespenstischer Atem Leben einhauchen, die Teile zu einem ganzen Organismus vereinen.

Sammlerpaar Agnes und Karlheinz Essl haben sich diese hauchzarte, aber existenzielle Installation zum zehnten Geburtstag ihres Privatmuseums selbst geschenkt. „Aufblasen – Ablassen“ heißt sie und wurde von Annette Messager erdacht, die 2005 für ihre „Casino“-Installation im französischen Pavillon bei der Biennale Venedig den Goldenen Löwen bekommen hat. So eine Auszeichnung steigert natürlich den Wert, 200.000 Euro haben die Essls für ihre Installation gezahlt – selten genug, dass man den Preis eines Museumswerks derart genau schätzen kann.

Kunstkaufen um 200.000 Euro

In diesem Fall ist es sogar Teil des Programms: Zu ihrem Museumsjubiläum haben die Essls nämlich zehn Museen weltweit (und sich selbst) eingeladen, um einen Betrag von jeweils 200.000 Euro einkaufen zu gehen – ohne Auflagen. Für mindestens zehn Jahre gehen die erworbenen Werke dann als Leihgaben in die Häuser. Erst einmal werden die Ergebnisse der direktoralen Shopping-Räusche aber in einer gemeinsamen Ausstellung im Essl Museum gezeigt.

Max Hollein vom Frankfurter Städel Museum etwa kaufte bewusst „klassisch“ und bewusst Malerei ein: vier Gemälde von zwei „noch weit unterschätzten Persönlichkeiten der europäischen Malerei“, Martin Barré und Raoul de Keyser. Das Salzburger Museum der Moderne, vertreten durch Direktor Toni Stooss, war als einzige österreichische Institution geladen. Stooss kaufte neben einem Muntean/Rosenblum-Großformat wenig überraschend in seiner Hausgalerie Thaddaeus Ropac ein – eine sehr schöne Figurengruppe von Bildhauer Stephan Balkenhol, vier angezogene hölzerne Herren, die eine große nackte Dame in der Mitte umstehen. Was praktisch ambivalent zu lesen ist, gleichzeitig als Kritik und Affirmation an Darstellungs- und Sehgewohnheiten in der Kunstgeschichte.

Apropos Frauenquote – von den zehn eingeladenen Institutionen haben immerhin vier Frauen an der Spitze stehen. Snje?ana Pintari? etwa, die in Kürze das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb eröffnet. Sie hat um ihre 200.000 Euro stückmäßig am meisten eingekauft – ein von der Decke schwebendes Memento mori aus getrockneten Blumen und einer Granatenhülle vom chinesischen Künstler Chen Zhen, Videos von Jan Fabre, Ana Hu?man, Miriam Bäckström, „Vibro-Zeichnungen“ eines jungen Kroaten, ein buntes abstraktes „Lenin-Porträt im Stil von Jackson Pollock“ der kroatischen Gruppe ABS etc. Auch das indische Habitat Center aus Neu-Delhi wird von einer Direktorin geleitet, Alka Pande, die traditionelle und globalisierte indische Kunst miteinander mischte.

Das Museum für zeitgenössische Kunst in Tokio hingegen investierte das Geld in eine Auftragsarbeit an die Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist: In einer mit dunkelblauem Samt ausgekleideten Kino-Kuschelbox kann man jetzt bequem (und ohne Schuhe!) auf braunen Matratzen am Rücken liegen und auf der Decke Rists traumhafte Japan-Eindrücke vorüberziehen lassen. Oder man richtet sich auf, lehnt sich über den Spiegel, der in der Mitte des dunklen Raumes eingelassen wurde, und blickt einer Hellseherin gleich in eine fremde Welt oder wie auf die Oberfläche eines Teiches in einem Zen-Garten.

„Lasst uns eleganten Abgang planen“

Bambuswälder ziehen hier vorüber, eine Japanerin trippelt vorbei, eine Frau lackiert den Abstand zwischen ihren gespreizten Fingern mit rotem Lack, nicht ihre Nägel. Zu diesem fantastischen Bilderreigen gibt Rist uns poetisch Kryptisches über unsere Zivilisation zu denken mit: „40'000 Jahre später/Ich komme heim/Ich trage Kleider/verstehe die Regeln nicht/unsere Hochkulturen gehen unter/lasst uns einen eleganten Abgang planen/und neue Regeln erfinden/ich komme heim und/heirate dich Fremde(r)/und mich/ rot rot rot“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2009)

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