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Ausstellung

Post-Apartheid und fremde Rituale

„Genesis“ (2016) von Kudzanai Chiurai. Der 1981 geborene Künstler und Aktivist flüchtete nach einem wenig schmeichelhaften Porträt des Diktators Robert Mugabe aus seiner Heimat Zimbabwe und lebt nun in Südafrika.
„Genesis“ (2016) von Kudzanai Chiurai. Der 1981 geborene Künstler und Aktivist flüchtete nach einem wenig schmeichelhaften Porträt des Diktators Robert Mugabe aus seiner Heimat Zimbabwe und lebt nun in Südafrika.(c) Fondation Louis Vuitton
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Werke afrikanischer Künstler hatten es im globalen Kunstbetrieb lange Zeit schwer. Das ändert sich jetzt – davon zeugt auch die Schau „Art/Afrique“ in Paris.

Lange hat es gedauert, immer wieder gab es wegweisende Ausstellungen, und zunehmend investieren Sammler in Kunst aus Afrika. Aber noch ist „der Anteil afrikanischer Künstler am internationalen Kunstmarkt mit derzeit 0,01 Prozent praktisch inexistent“, erklärte Max Hollein, Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco, jüngst in „Bilanz“. Aber das ändert sich gerade. Im Mai versteigerte Sotheby's in London moderne und zeitgenössische Kunst aus Afrika, 83 Werke von 60 Künstlern aus 14 afrikanischen Ländern kamen für rund vier Millionen Dollar unter den Hammer. Und in Paris eröffneten in der Fondation Louis Vuitton (FLV) drei große Ausstellungen mit 45 afrikanischen KünstlerInnen. Endlich gilt Afrika offenbar nicht mehr als „exotisch“.

„Art/Afrique“ heißt die Schau in Paris. Aber was ist afrikanische Kunst? Auf dem Kontinent gibt es 55 anerkannte Staaten und rund 2000 eigenständige Sprachen. Über eine Milliarde Menschen leben dort. Wie bringt man die Größe auf einen gemeinsamen Nenner? Gar nicht, deswegen hat sich FLV-Direktorin Suzanne Pagé für ein dreiteiliges Konzept entschieden. Ausgangspunkt sind Werke aus der hauseigenen Sammlung, darunter ein Film von William Kentridge, Dokumentarfotos von David Goldblatt, Robin Rhodes Straßenperformances und Omar Bas Malerei hybrider Wesen. Mit Chéri Sambas politischer Malerei, Barthélémey Toguos Wasserfarben-Zeichnungen und den Masken aus recycelten Materialien von Romuald Hazoumé gibt es Überschneidungen zum zweiten Teil, den 15 Künstlern der Pigozzi Sammlung.

 

Pigozzi: 20 Jahre auf Kunstsuche

Jean Pigozzi, der 1952 in Frankreich geborene Italiener, wie er sich selbst bezeichnet, ist Sohn des Gründers der Automarke Simca. 1989 sah er die Ausstellung „Magiciens de la Terre“ im Centre Pompidou, die erstmals überhaupt zeitgenössische afrikanische Kunst zeigte. Sofort rief er im Museum an. Er wollte Werke kaufen, erzählt er im Katalog-Interview, und wurde an den damaligen Co-Kurator André Magnin verwiesen, mit dem er den Aufbau seiner Sammlung vereinbarte. Zwanzig Jahre lang bereiste Magnin in Pigozzis Auftrag den Kontinent, besuchte Ateliers, lies sich Künstler empfehlen und baute eine der wichtigsten Sammlungen afrikanischer Kunst auf, kaufte früh Body Isek Kingelez' futuristische Architekturen, die 1960er-Dokumentations-Fotografien von Malick Sidibé.

Für den dritten Teil von „Art Afrique“ recherchierte das FLV-Team in Südafrika. Das Land gilt dank der ausgeprägten Sammler- und Künstlerszene und der zahlreichen Galerien als afrikanischer Hotspot für zeitgenössische Kunst. Unter dem Titel „Being There“ treffen jetzt in Paris zwei Generationen aufeinander: acht Künstler aus der Eltern-Generation, die Apartheid zum zentralen Thema ihrer Kunst macht, auf acht Junge mit Kunst aus der Zeit der Post-Apartheid. Da parodiert Kudzanai Chiurai mit schwer bewaffneten Akteuren in ihren tumultartig inszenierten Fotografien die westlichen Klischees von Afrika. Eine utopische Nation namens Azania imaginiert Athi-Patra Ruga in seinen gewebten Bildern, und Buhlebezwe Siwani installiert einen spirituellen Reinigungsprozess. Sie ist Künstlerin und zugleich Heilerin. Diese Nähe zu traditionellen Ritualen und Materialien mag der Grund sein, warum Kunst aus Afrika lange Zeit keinen selbstverständlichen Platz im globalen Kunstbetrieb erreichte.

 

Masken aus alten Kanistern

Romuald Hazoumés Masken waren oft zu sehen. Er schafft aus einem alten Kanister, Draht als Haare, einem leeren Telefonhörer als Augen sofort erkennbare Gesichter. Anfangs als folkloristisch kritisiert, wird Hazoumé seit wenigen Jahren für seine skulpturale Qualität anerkannt. Ähnlich befremdlich erschien vielen der plakative Malstil der frontalansichtigen Party-Szenen von Moke. Pigozzi und Magnin dagegen entdeckten früh die Qualität des 1950 geborenen Autodidakten. Pigozzi bevorzugte generell Künstler, die nicht von Kunstschulen und westlicher Kunst „verschmutzt“ seien, erklärt er im Katalog. Die Künstler seiner Sammlung arbeiten alle in Afrika, ihre Inspiration komme „zu 99 Prozent aus ihrer Kultur, ihrem Alltagsleben und manchmal aus Zeitschriften“. „Sie interpretieren, was sie sehen. Sie kennen die Welt, bleiben sich aber treu und wissen, woher sie kommen“, fasst er es zusammen. Auch darin mag die neue Akzeptanz liegen: die Betonung der reichhaltigen, für Abendländer oft fremden Kultur verbunden mit dem großen Spektrum an Bildern, die um den täglichen Kampf beim Aufbau einer Zivilgesellschaft kreisen. Denn ein dezidiertes politisches Engagement ist in jedem Teil von „Art/Africa“ zu finden. Pigozzi übrigens beendete seinen Sammlungsschwerpunkt Afrika 2009. Wir beginnen unsere Annäherung gerade erst.

Art/Afrique, Fondation Louis Vuitton, bis zum 28. August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2017)