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Buddy-System: Ein gutes Team dank Bollywood

(c) FH OÖ/Steyr
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Für die einen Starthilfe im fremden Land, für die anderen interkulturelle Erfahrung und Sprachtraining bequem vor der Haustür: wie heimische und Gaststudenten voneinander profitieren.

„Alle Formulare, die wir ausfüllen mussten, waren auf Deutsch. Ebenso die Hausordnung für das Gebäude, in dem wir untergebracht sind. Unser Buddy übersetzte alles“, erzählen Sofia Casal und Ana Tinoco. Die beiden Physiotherapiestudierenden aus Portugal sind dieses Semester an der FH St. Pölten zu Gast. Vom International Student Network (ISN) wurde ihnen eine österreichische Studentin zur Unterstützung zur Seite gestellt.

 

Mal Gast, mal Buddy

Barbara Pirringer ist ein solcher Buddy an der FH St. Pölten. Sie absolviert den Studiengang Media- und Kommunikationsberatung und war bereits selbst zu Gast: als Auslandsstudentin in Polen. „Da lernte ich den Wert solcher Einrichtungen wahrlich zu schätzen.“ Seit sie wieder zurück in Österreich ist, versucht sie, „gerade in der Startphase, also kurz vor und unmittelbar nach der Ankunft, verstärkt für Gaststudenten unserer FH da zu sein.“ Außerdem betont sie, dass man auch selbst durch den Kontakt profitiert: sprachlich, kulturell. „Man wird offener.“

 

Integration

ISN stellt den Incomings aber nicht nur Buddys zur Seite. Das Studententeam bemüht sich auch sonst um die Integration der Gäste. So werden Ausflüge und Partys organisiert, für ein gemeinsames Dinner wird aufgekocht, ein Wochenende lang Ski gefahren, und andere österreichische Städte werden besucht. Auf Campus Radio 94,4 gibt es die Radioshow „Globetrotter“, die gemeinsam von Gast- und inländischen Studierenden moderiert wird.

Geschaffen werden hier Orte und Möglichkeiten der Begegnung: Nicht selten entstehen so Freundschaften, aber auch Lernpartnerschaften zwischen heimischen Studierenden und Gästen. ISN gehört dem Erasmus Student Network (ESN) an. Dieses betreut auch an der FH Wien Gaststudenten durch Buddys – in diesem Semester insgesamt 70 und damit so viele wie nie zuvor. Aber auch an anderen Fachhochschulen wie der FH des bfi Wien schätzt man das Buddy-System schon seit Langem als unverzichtbaren Teil der FH-Struktur. Sie kümmern sich um alle relevanten Themen, die das studentische Leben in Wien so mit sich bringt – von Formalitäten hinsichtlich des Österreich-Aufenthalts über Netz und Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel bis hin zu Kultur-, Lokal- und Shoppingtipps.

 

Tandem-Programm

An der FH Joanneum studieren aktuell 129 Incomings. Miteinander statt nebeneinander heißt hier die Devise, die seit 2006 mit dem Tandemprogramm umgesetzt wird. Dabei bilden jeweils – auf Vermittlung der FH hin – ein aus- und ein inländischer Studierender ein Paar. Davon profitieren beide Partner sprachlich – denn das Programm zielt in erster Linie darauf ab, dass sich die beiden Studierenden jeweils in ihrer Muttersprache unterrichten beziehungsweise ausgewogen in diesen beiden Sprachen kommunizieren.

Bilal Khan aus Pakistan und der Österreicher Christian Schrei sind eines der bisher insgesamt 150 Tandempaare an der FH Joanneum. „Wir sind gute Freunde geworden, und unser verbindendes Element waren die Bollywood-Filme“, erzählt Khan. Schrei bewundert das exzellente Englisch seines Partners und seine Offenheit, die sehr geholfen habe, seinen kulturellen Hintergrund zu erklären. Auch Miyuki Kurachi aus Japan und Hana Häufle aus Deutschland haben in der Steiermark Freundschaft geschlossen. „Am Beginn meines Aufenthalts in Graz fühlte ich mich wegen der kulturellen Unterschiede sehr unsicher“, erzählt Kurachi. „Meine Tandempartnerin Hana half mir vor allem bei Problemen mit der deutschen Sprache, und wir verbrachten viel Zeit miteinander.“ Ganz ähnlich das Resümee von Häufle: „Zusammen mit ihr Japanisch zu sprechen, zu essen und mich mit ihr auszutauschen hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich konnte natürlich auch viel von ihr lernen.“

 

„Internationalization“

Durch das Tandemprogramm profitieren also nicht nur die Incomings, sondern auch die inländischen Studierenden. Ingrid Gehrke, Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen an der FH Joanneum, nennt es „Internationalization at Home“. Die Incomings „bringen andere Kulturen, Sprachen und auch andere akademische Perspektiven an die FH, und es kann auch für jene Studierenden, die nie ins Ausland gehen können oder wollen, eine interkulturelle Erfahrung garantiert werden.“ Und, so Gehrke weiter: „Lernen in einem internationalen Umfeld bereitet die Studierenden auch optimal auf eine Tätigkeit in einer international agierenden Firma mit Kollegen aus anderen Kulturen vor.“

 

Konflikte provozieren

An der FH Oberösterreich, Standort Steyr, brachte heuer zu Semesterstart ein dreitägiges Seminar Incomings und heimische Studierende zusammen. Dabei wurden „Konflikte bewusst provoziert, und es wurde darüber gesprochen, warum diese Konflikte entstehen und wie sie zu bewältigen sind“, sagt Bernadette Fleischanderl, die das International Office am Campus Steyr leitet. So sollen schwierige Situationen im interkulturellen Studienalltag von vorneherein entschärft werden. Dies bedeutet aber auch: Lernen, wie man in einem multikulturellen Umfeld – und etwa später in internationalen Firmen – agiert und Probleme beseitigt beziehungsweise Krisen bewältigt, die daraus resultieren, dass die Akteure aus unterschiedlichen Kulturen kommen.

 

Teambuilding

Martin Balaz, Managementstudent aus der Slowakei, hat an diesem Seminar teilgenommen. Sein Fazit: „Es hat mich an die Art des Teambuilding erinnert, das bei großen Firmen eine weitverbreitete Methode ist, um die Beziehungen und Produktivität eines Arbeitsteams zu verbessern.“

Für Raphael Spiesberger-Höckner, der den Studiengang Internationales Logistik-Management absolviert, war die Veranstaltung durchaus ein „soziales Kompetenztraining“. Und: „Ein solch intensiver Drei-Tage-Kurs schweißt unheimlich zusammen.“ Etwas mitnehmen kann sich Spiesberger-Höckner aber auch von der Messe „International Fair“, die Mitte Dezember stattfindet. Dabei stellen die Gaststudierenden ihre Heimatländer vor, es präsentieren sich die Partneruniversitäten, und es gibt ein großes Get-together von Incomings und heimischen Studierenden. „Laut, lustig, strahlende Augen bei lustigen Spielen, eng, weil viele Leute, Neugierde“: So beschreibt Fleischanderl die Atmosphäre bei diesen Messen, die zweimal jährlich abgehalten werden.

 

Ein Semester Englisch

Auf gemeinsame Aktivitäten wird auch an der FH Vorarlberg gesetzt: Welcome-Party, „Oktemberfest“, Nikolausfeier, Wanderungen, Skitag – all das soll Incomings und heimische Studierende miteinander vernetzen, verbinden.

Verbindend ist auch die Sprache: „Die FH Vorarlberg bietet in jedem Bachelorstudiengang ein komplettes Semester in englischer Sprache an“, erklärt Karin Wüstner-Dobler, Leiterin des International Office an dieser FH. So lernen heimische und Gaststudenten Seite an Seite „und in interkulturellen Teams“. Davon profitiert auch das aktive Englisch der hiesigen Studierenden: Das Kommunizieren in der Fremdsprache wird zur Selbstverständlichkeit. Auch ein Plus, das im Geschäftsleben nicht ganz unwesentlich ist.

FH-STUDIERENDENMOBILITÄT Begriffe und Zahlen

Incomings: 3365 Gaststudenten waren im Studienjahr 2007/08 an österreichischen FH zu Gast (ca. zehn Prozent der Gesamtstudierenden).

Outgoings: An diversen FH im Ausland studierten im selben Studienjahr 1283 österreichische Studenten (rund 4 Prozent).

Buddy: Beschützer, Wegweiser und Kumpel für Gaststudenten, der bei sprachlichen und kulturellen Fragen zur Verfügung steht.

Tandem-Programm: Der Gaststudent bekommt einen persönlichen Buddy – und der Buddy somit einen persönlichen Gast.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)