Schlaflos in Paris

Klischees, klug arrangiert: Rainer Moritz' Romandebüt.

Um Nachbarn miteinander bekannt zu machen, bedarf es heutzutage schon einer kleinen Katastrophe. In „Madame Cottard oder eine Ahnung von Liebe“ ist das ein Wasserschaden in der Single-Wohnung der 39-jährigen Buchhändlerin und „Mademoiselle Chaos“ Nathalie. Der geschiedene schwäbische Korkenhändler Robert Bernthaler lädt daraufhin Nathalie ein, die Nacht in seiner Wohnung zu verbringen. Dabei überrascht er sie nicht nur mit seiner Kochkunst („Deutscher bekocht Französin – wenn das mal gut geht“), sondern auch mit seiner verhaltenen Leidenschaft für Korken und Stilleben („manchmal gäbe es sogar Korken zu sehen auf Stillleben, mehr dürfe man vom Leben nicht erwarten“) –, und sie ihn, weil sie das gar nicht so uncharmant findet („Frauen, die sich ernsthaft für die Welt der Korkenherstellung interessierten, waren ihm bislang nicht begegnet“). Ein paar SMS und Spaziergänge später sind die zwei so verliebt, wie ein Mann und eine Frau in Paris sein müssen – oder zumindest wie der Rest der Welt sich das vorstellt.

Eine liebe Liebesgeschichte erzählt Rainer Moritz, der Leiter des LiteraturhausesHamburg, in seinem ersten Roman, eine Art „Schlaflos in Paris“: nur dass die Heldin nicht blond wie Meg Ryan ist, sondern schwarzhaarig wie Audrey Tautou im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“.

Selbstironische, leichte Kost

Der Autor, der ein Appartement in Paris besitzt, kennt Frankreich gut, da wird „Hachis Parmentier“ und „Boudin blanc“gegessen, die Technik funktioniert nicht, die Pariser parken wie Verrückte, und ein Spaziergang führt in den ziemlich unbekannten Friedhof Saint-Vincent. Die zwei Verliebten trinken auch Café in der Rue Coulaincourt, ein paar Ecken vom „Café des 2 Moulins“ entfernt, wo Amélie Poulain als Kellnerin arbeitet. Und wie in „Amélie“ liefert auch in „Madame Cottard“ das Viertel rund um den Montmartre jede Menge Lokalkolorit.

„Wer etwas auf sich hielt, rümpfte über Sacré-Coeur die Nase, ließ etwas von Kitsch verlauten“, heißt es einmal über die Kirche Sacré-Coeur, für die der Protagonist Robert Bernthaler seit seiner Studentenzeit „eine sentimentale Schwäche“ hegt. Ähnliches könnte man über diesen Roman auch sagen. Die quirlig-melancholische Französin auf der einen Seite, auf der anderen der steife, unbeholfene Deutsche, der Haydn und Mozart zu Hause hat, aus Wohnungen dringen Chansonklänge, und gefrühstückt wird natürlich ein Croissant – wer derlei Klischees verachtet, sollte sich von dem Büchlein lieber fernhalten.

Klischees kann man aber auch in vollem Bewusstsein ihrer Klischeehaftigkeit genießen beziehungsweise produzieren. „Madame Cottard“ ist solch eine kluge, selbstironisch angehauchte leichte Kost, die die Frankreich-Nostalgien von deutschen (oder österreichischen) Paris-Touristen und „Amélie“-Fans bedient – dazu ein Schuss Romantik für das sogenannte „beste Alter“, das sich im Liebesfrust nach Liebeslust sehnt. Ein bisschen bemüht wirkt vielleicht manchmal die Leichtigkeit der Dialoge, die „Zauberhaftigkeit“, die Nathalie ausstrahlen soll. Letztendlich neigt der Roman doch eher zum sympathischen, etwas schwerfälligen Gepräge der männlichen Hauptfigur. Typisch deutsch eben – wenn wir schon bei den Klischees sind . . . ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)

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