Schnellauswahl

Fehlt nur noch Alexander

Da die Beschwörung einer Geschichte, die so doch nur Konstrukt ist. Dort der Versuch, vorhandenes Erbe gegen neues Investorenglück zu tauschen. Über Stadtlandschaften und nationale Mythen am Balkan – am Beispiel von Skopje und Sofia.

Im Morgengrauen ziehen dieSchwäne über den See, der Tag bricht an. Der Ohridsee im Süden von Mazedonien ist eine vergessene, magische Landschaft. Über der Bucht von Kaneo steht auf einem Felsvorsprung eine kleine Kirche. Sveti Jovan Bogoslov ist das vielleicht meistfotografierte Mazedonienmotiv, trotzdem ist der Zauber des kleinen Bauwerks ungebrochen. Umgeben von kleinen, terrassierten Felsgärten mit Zypressen und Pinien, verströmt der Ort auratische Kraft. Die Wellen des Sees plätschern sanft gegen den Felsen, die Umrisse der Berge Albaniens sind deutlich zu sehen.

Nicht allzu weit entfernt steht auf einem Hügel eine andere Kirche, an einem Ort, der für die slawische Kultur mehr als bedeutsam ist. Doch die Stimmung ist anders, bei näherem Hinsehen scheint die Kirche seltsam neutral. Sveti Pantelejmon ist nur wenige Jahre alt. Einst von den Osmanen zerstört, wurde die Basilika, nunmehr Sveti Kliment genannt, vor wenigen Jahren in einer übersteigerten Dimension wieder aufgebaut. Die osmanische Moschee aus dem 15.Jahrhundert, das tatsächliche historische Monument, wurde dabei zerstört. Geld für dieses Vorhaben floss reichlich, Kosten wurden keine gescheut.

Architektonische Rekonstruktionen sind in Mazedonien und in anderen Ländern Südosteuropas heftig diskutierte Themen. Nun zählen bekanntlich Dichtkunst und Baukunst zu den Überwindern der Vergesslichkeit der Menschen. Tatsächlich gehört die Vorstellung der Verräumlichung des kollektiven Gedächtnisses zu den meist strapazierten Themen der Architektur. Dabei geht es um die Konstruktion von Identität und Geschichte, die sich des Mediums der Architektur bedient. Die Praxis der architektonischen Rekonstruktionen ist vor allem in den Städten der südlichen Länder Südosteuropas mehr als verbreitet. Allerdings sind die sogenannten Rekonstruktionen oftmals Entwürfe nach mehr oder weniger freien Vorstellungen der architektonischen Geschichte. Die Idee, Bauten oder ganze Stadtteile wiederauferstehen zu lassen, entspringt dabei einem nicht unproblematischen nationalistischen Gedanken, der sich auch hemmungslos der Religion als Argument bedient. Die Gründe sind vielfältig und liegen mitunter tief verborgen.

Bereits die klassische französische Soziologie erkannte das wichtige psychologische Moment der Identifikation der Menschen mit ihrem gebauten Umraum. Sogenannte „Mental maps“, die individuelle, subjektive und kollektive Erlebnisse in Verbindung mit Orten speichern, werden historisch und ideologisch auf die Stadt projiziert und mit ihr verbunden. Diese Bilder überleben, auch wenn ein Bauwerk zerstört wird.

In Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, spiegeln die aktuellen architektonischen Projekte eine konstruierte Vergangenheit und eine nicht unproblematische Suche nach nationaler Identität. Vor allem der Hauptplatz ist seit einiger Zeit Mittelpunkt einer Debatte um nostalgisch-nationale Erinnerungsbilder. Der riesige Platz bildete am Beginn des 20. Jahrhunderts den urbanen Mittelpunkt der Stadt, seine Gebäude verkörperten politische, ökonomische und kulturelle Bedeutung.

Am 26. Juli 1963 zerstörte ein Erbeben große Teile Skopjes. Der Wiederaufbau erfolgte nach einem sozialutopischen Planmodell des Japaners Kenzo Tange. Heute bewegen sich die Erinnerungsbilder und Identitäten zwischen sozialistischer Idealstadt und nostalgischen Bildern von Alt-Skopje. Dazu gesellen sich Rückgriffe, die noch viel weiter zurückreichen. Auf dem Platz soll demnächst eine riesige Statue Alexanders des Großen errichtet werden.

Architektur und Städtebau werden so von der Regierung benutzt, um identitätsstiftende, nationalistische und vor allem sehr populistische Botschaften zu vermitteln. Vladko Korobar, Dekan der Architekturfakultät Skopje, schüttelt den Kopf. Zur wirklich beeindruckenden Architektur in Skopje zählen die Bauten der Planstadt Skopje, meint er. Alles, was danach gebaut wurde, hat das ureigene Aufgabengebiet der Architektur, in folgerichtiger und durchdachter Konsequenz zu bauen, verlassen.

Zwischen der Stadt Skopje und der Regierung herrscht grundlegend Uneinigkeit. Während die Stadt pragmatische Vorhaben wie den Bau eines Rathauses anregt, treibt die Regierung auch kulturpolitisch einen nationalistischen Kurs voran. Dazu gehört die Beschwörung einer konstruierten Geschichte und Rückgriffe auf die Religion als identitätsstiftendes Moment.


Fast eine paradoxe Umdrehungfindet gegenwärtig in der Hauptstadt des Nachbarlandes Bulgarien statt. Auch Bulgariens nationale Mythen beschworen stets die Wurzeln der europäischen Identität. Dort ist sie baulich überreich vorhanden. Die Altstadt Sofias ist eine architektonische Schwester Wiens, eine Tatsache, die in den Geschichtsbildern wenig überliefert ist. Sofia wurde im 19.Jahrhundert als neue Hauptstadt im Fürstentum Bulgarien zur Gänze von Architekten der k. u. k. Monarchie erbaut. Hier nahm man sich nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft, auf der Suche nach einer europäischen Identität, die Residenzstadt Wien zum gestalterischen Vorbild.

Auf einer Parkbank im Zentrum Sofias sitzt eine ältere Frau. In ihrer Hand hält sie einen Brotlaib in einer durchsichtigen Plastiktüte fest umklammert. Der Schein der Abendsonne verzaubert die Stadt, deren Bauten und Straßen brüchig scheinen, hie und da blitzt ein farbig renoviertes, geputztes Haus hervor, eine Vorahnung auf Sofia in zehn oder 15 Jahren? Im Rahmen des ehrgeizigen architektonischen Stadtverschönerungsprogramms „Beautiful Bulgaria“ wurde vor Jahren begonnen, das historische Erbe zu pflegen und zu renovieren. In Anbetracht dieser Aktivitäten muten die jüngeren Ereignisse in der bulgarischen Hauptstadt eher bizarr an. Während in Skopje architektonisches Erbe rekonstruiert wird, entging das reichlich vorhandene europäische Erbe in Sofia vor einem Jahr nur knapp der Zerstörung. Einem großen Teil der historischen Innenstadt Sofias drohte im Herbst 2008 der großmaßstäbliche Abriss – zugunsten eines Investorenprojekts. Buchstäblich im letzten Moment wurde die Zerstörung der Altstadt Sofias durch Proteste von außen vereitelt.

In der Folge möchte die Stadt nun mit einem städtebaulichen Vorhaben aufholen. Dominique Perrault hat sich vor Kurzem in einem Wettbewerb zur Planung eines neuen Stadtteils gegen prominente internationale Konkurrenz durchgesetzt. Das Projekt sieht ein zweites Zentrum Sofias östlich der Altstadt vor.

In Anbetracht des überdimensionierten Vorhabens sind die kritischen Stimmen mehr als berechtigt. Implantierte oder neue Stadtteile sind bekanntlich äußerst anfällig für diffuse Dysfunktion. Der Grund liegt in der Tatsache, dass Städtebau ein begrenzt planbares Unterfangen ist. Denn mit der Planung der steinernen Hüllen ist es nicht getan, Städte bestehen aus Individuen. In Sofia stellt sich vor allem jedoch die Frage, ob die Stadt überhaupt ein neues Zentrum braucht. Intelligente Umgestaltungen, Umnutzungen, kluge Interventionen in der Altstadt könnten im Sinne urbanistischer Regeneration weit mehr bringen als spektakuläre Großprojekte und Staraufgebote.


Die europäische Städtelandschaft
ist um vieles reicher geworden. Die urbanen Zentren des neuen Europa spiegeln geballte Stadtgeschichte, ein gewaltiges historisches Erbe. Die Städte sind die Zentren der Kultur, der Wirtschaft, der Geschichte, der Ethnien. Ihre Heterogenität lässt die urbanen Zentren als kaum miteinander vergleichbare Mikrokosmen erscheinen.

Wie kaum woanders zeichnet sich hier aber auch ein Spannungsfeld von gesellschaftlich-sozialer Realität und Aufbruchstimmung, ungezügeltem Investorentum ab – gegenwärtig durch die Finanzkrise schwer gedämpft. Die architektonischen und urbanistischen Aktivitäten unterliegen einer, von außen betrachtet, schwer nachvollziehbaren Dynamik. Vor allem in den südlichen Ländern der Region sind planerische Handlungen auf den ersten Blick oft kaum verständlich.

Tatsächlich sind diese Aktivitäten nicht nur von ungehemmten Marktgesetzen gesteuert. Vielmehr sind viele unausgesprochene Themen Teil der planerischen Prozesse. Geschichte, nationale Mythen, ethnische Fragen oder Suche nach Identität spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ohne das Wissen darum sind viele Entscheidungen nicht verständlich. Die Auseinandersetzung mit Architektur und Städtebau in den Regionen Südosteuropas setzt allem voran eine differenzierte Kenntnis dieser Faktoren voraus. Im Wissen um Geschichte, Ethnien, kulturelle Heterogenität und vor allem um die nationale Mythenbildung werden planerische Handlungen und Entscheidungen nachvollziehbar und verständlich.

Architektur und Städtebau in Südosteuropa sind nicht nur ein Abbild ungesteuerter turbokapitalistischer und neoliberalistischer Aktivitäten und Wirtschaftsprinzipien. Ein Klischee des Balkanbegriffes ist ebenso irreführend wie „Balkan“ als übergeordnete Klammer für Architektur und urbanistische Phänomene, dazu sind die historischen und kulturellen Bedingungen zu unterschiedlich und heterogen: Ein Land wie Mazedonien besitzt vollkommen andere Voraussetzungen als etwa Bulgarien oder Albanien. Über die gemeinsame kulturhistorische Geschichte hinaus, besitzen die Städte Südosteuropas selbstredend eine beträchtliche europäische Dimension. Es ist eine Geschichte der europäischen Städtevielfalt, eines heterogenen Erbes. Es sind Lebensräume, Schauplätze und Potenziale der Zukunft. ■

BALKAN: Ausstellung & Kongress

Balkanology ist der Titel einer Schau, die derzeit im Architekturzentrum Wien (Museumsplatz 1) „Neue Architektur und urbane Phänomene in Südosteuropa“ vorstellt (täglich 10 bis 19 Uhr).

Demselben Thema ist bis 22. November am selben Ort der 17. Wiener Architekturkongress gewidmet (Näheres unter www.azw.at).

Gabriele Reiterer, Jahrgang 1963, studierte Kunst- und Architekturgeschichte in Wien, New York und Zürich. Von 2007 bis 2009 Forschungsarbeit zu Architektur und Urbanismus in Südosteuropa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)