Suhrkamp in Witwenhand

In der Familienfehde im Suhrkamp-Verlag wirft Joachim Unseld das Handtuch.

Der Klügere gibt nach? Den Machtkampf im Verlagshause Suhrkamp hat die Witwe Ulla Unseld-Berkewicz (61) nun doch gegen ihren „Stiefsohn“ – die beiden gelten als verfeindet – gewonnen: Joachim Unseld (56), Spross des Suhrkamp-Patriarchen Siegfried Unseld, hat seine Anteile am Verlag verkauft; Angaben über den Verkaufspreis gab es nicht. Unseld-Berkewicz, die in den Siebzigerjahren Theaterschauspielerin war, hatte 1990 Joachim Unselds Vater geheiratet, der das Unternehmen von 1959 bis zu seinem Tod 2002 leitete. 2003 übernahm sie als Vorsitzende der Geschäftsführung die ehemalige Funktion ihres Ehemannes.

Siegfried Unseld (1924–2002) gilt als einer der wichtigsten Verleger deutschsprachiger Nachkriegsliteratur und stand in regem Austausch mit seinen Autoren. Nach dem Tod des Verlagsgründers Peter Suhrkamp leitete er das Unternehmen als alleiniger Geschäftsführer. Seine erste Frau verließ ihn nach zahlreichen Affären.

Unseld junior, der sich Anfang der 90er mit seinem Vater zerstritt (selbst Habermas versagte als Vermittler), hat zuletzt ins operative Geschäft nicht mehr eingreifen können – aber sonst „Stunk“ gemacht: Heftig hat er sich gegen den für Anfang 2010 geplanten Umzug des Verlags von Frankfurt nach Berlin gewehrt, ja, auch dagegen geklagt. Unseld-Berkewicz hatte Anfang dieses Jahres entsprechende Pläne bekanntgegeben. Wie Unseld junior lehnten sich auch 85 Prozent der rund 150 Beschäftigten gegen den Umzug auf.


Bachmann, Hesse, Brecht. Auch der zweite Streitfall ist nun, da Unseld das Handtuch wirft, entschieden: jener über den Verkauf der Archive von Suhrkamp- und Insel-Verlag an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Auch dagegen hatte Joachim Unseld zu klagen gedroht. In den Archiven der beiden zur Verlagsgruppe gehörenden Häuser lagern Manuskripte und Korrespondenzen berühmter Autoren wie Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Jürgen Habermas, Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Martin Walser, Paul Celan, Hermann Hesse und Ricarda Huch. Experten schätzen den Wert der Sammlung auf fünf bis sieben Millionen Euro.

Joachim Unseld leitet heute die Frankfurter Verlagsanstalt. Zusätzlich gehörten ihm 20 Prozent an Suhrkamp, die Branchengerüchten zufolge zuletzt nur mehr wenig Rendite abwarfen. Nun fallen sie – mit sofortiger Wirkung – zu gleichen Teilen den beiden Mehrheitsgesellschaftern – Ulla Unseld-Berkewicz und der Medienholding AG Winterthur des Hamburger Investors Hans Barlach – zu.

Letztere hält nun 39 Prozent am Verlag, Unseld-Berkewicz die restlichen 61 Prozent. Die Folgen aus dem Verkauf wollte das Unternehmen offiziell nicht kommentieren. Nur so viel: „Unseld hat jetzt kein Mitbestimmungsrecht mehr“, hieß es. Die beiden übrigen Gesellschafter sind sich in den wichtigen Dingen ohnehin einig. trick

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2009)

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