Julia Leigh ist mit ihrem zweiten Roman "Unruhe" ein knappes, eisiges Kammerspiel gelungen, das zwischen den Zeiten und Zeilen manchmal fast zu perfekt funktioniert.
Die Frau im grauen Bleistiftrock sucht schweigend den Fluchtweg in ihre Vergangenheit – doch ihr alter Schlüssel findet kein Loch mehr am großen schwarzen Eisentor. Dort prangt jetzt das Palm Pad einer Überwachungsanlage. Es wird der Frau und ihren zwei Kindern nicht leicht gemacht, in das fragwürdige Paradies einzubrechen, in ein herrschaftliches Anwesen mit akkurat gestutzten Eibenkegeln inmitten einer „hässlichen“ Landschaft in Frankreich. Der neunjährige Sohn wird schließlich mit blutiger Schulter und zerrissenem Hemd vor der Tür des Herrenhauses und vor seiner unbekannten Großmutter stehen. Seine sechsjährige Schwester wird sich fürchten. Nur die Frau wird gepanzert sein, zusätzlich noch mit einem gebrochenen Arm.
Das Kammerspiel kann beginnen – es wird uns dunkel und eiskalt erwischen. Und das Beste daran: Die 1970 in Sydney geborene Autorin Julia Leigh braucht dazu nicht viele Worte. 127 (großzügig bedruckte) Seiten ist das Bändchen nur schmal – zwei, drei intensive Lesestunden also, in denen man bald gelernt hat, dass hier das Wichtigste ungesagt zu bleiben hat.
So ist das bei Familiengeschichten – das seltsam Zeitlose dieses Settings, das sich zwischen eisernen Türschlössern und elektronischen Überwachungsgeräten, alten Meistern an den Wänden und Fernsehen im Bett nicht entscheiden will, macht diese Familiengeschichte zu einer ewigen. Die handelnden Archetypen der starken und schwachen Mutter, des starken Sohnes und schwachen Ehemanns machen sie zu unserer.
Contenance bitte! Die verstoßene Tochter kehrt mit ihren zwei völlig entwurzelten Kindern aus Australien nach Hause, in die alte Welt, ins französische Großbürgertum, zurück. Dort trifft sie auf die mühevoll Contenance bewahrende alte Mutter, die Dienstboten und ihren hilflosen Bruder, der seine Frau betrügt, sie nach einer Totgeburt aber nicht verlassen kann.
Dieser Kinderleichnam, in brutaler Distanz nur „das Bündel“ genannt, ist der Nukleus dieser Geschichte. Er muss erst in die Familie aufgenommen werden, ehe er begraben werden kann, die makabre Situation dieser unmöglichen Alltäglichkeit bringt zumindest einige Emotionen an die Oberfläche dieses unbewegten Sees – in dem die Mutter und ihre Kinder in einem dramatischen Rettungsakt emotional doch wieder zusammenfinden.
Julia Leigh verwendet eine Flut an allegorischen Bildern, um nicht konkret werden zu müssen, um die Geschichte vom schwierigen Loslassen und Neuanfangen in sich gefangener Menschen zu erzählten – ein effektvolles Mittel, das man mögen muss, das mitunter etwas zu artifiziell gerät – wenn etwa unschuldige Rehe bei einem versuchten Begräbnis des „Bündels“ plötzlich aus Wäldern auftauchen, zusammenzucken und wieder verschwinden. Wenn ein siamesisches Schmetterlingspaar über den Köpfen von Mutter und Kind schwebt. Und wenn Bäume gar zu offensichtlich gestutzt, in Form gebracht werden. Trotzdem, ein ernsthafter Zweitling nach Leighs bejubeltem Debüt, „Der Jäger“, von 2002.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2009)