Thomas Pernes: Den Klängen auf der Spur

(c) AP (Stephan Trierenberg)

Komponist Thomas Pernes präsentiert am Montag im Musikverein einen weiteren Baustein zu seinem ambitionierten Klangtheaterprojekt.

Klangtheater, eine Vermischung der Kunstrichtungen, Formen und Farben – der Wiener Komponist träumt von solchen grenzüberschreitenden Projekten seit Langem. In immer neuen Anläufen nähert er sich seinem Ziel. Friederike Mayröcker stand bereits Pate für den ersten Versuch, der 1988 im Museumsquartier – damals noch „Messepalast“ – Premiere hatte. Die Texte der Dichterin haben Pernes auch weiterhin fasziniert und inspiriert, und wenn heute, Montag, im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins erstmals der Zyklus „Erinnerung“ nach Gedichten von Ingeborg Bachmann erklingt, dann hat das mittelbar auch viel mit der Mayröcker zu tun.

Denn das Werk stellt den dritten Teil eines zusammenhängenden Musiktheaterprojekts dar. Teil II wird heute ebenfalls zu erleben sein, die Vertonung von Ernst Jandls „Humanisten“. Die gesamte Trilogie habe, so erzählt Thomas Pernes im Gespräch, viel mit der Künstlerbeziehung Jandls und Mayröckers zu tun: „Was ich jedoch immer respektiert habe, war die Tatsache, dass zwischen den beiden eine Abmachung bestand, nie mit einem künstlerischen Werk gemeinsam in Erscheinung treten zu wollen. Daran habe ich mich selbstverständlich auch gehalten. Deshalb folgt auf Jandls Text ein Stück nach Bachmann-Gedichten. Wenn auch die gedankliche Linie fortgesetzt wird.“

 

Polystilistik, aus Neugier geboren

Das passt wiederum ins Konzept der Verschmelzung. Immer schon ging es dem Komponisten um die Harmonisierung scheinbar heterogener Dinge. Wobei am Anfang die Neugier stand. „Die Neugier“, sagt er, „zunächst einmal auf die Möglichkeiten der musikalischen Avantgarde, die ich wie alle Schüler von Roman Haubenstock-Ramati aufgesogen habe. Die Wiener Schule, Darmstadt, all das habe ich studiert und in mich aufgenommen.“

Doch bald war die zuweilen ins Sektiererische abdriftende Neue-Musik-Szene für Pernes nicht mehr spannend. Als Schüler des legendären Wiener Klaviermeisters Bruno Seidlhofer war er auch ein glänzender Pianist, der sich über Jahre hin den Möglichkeiten des Jazz widmete. Er spielte Schönbergs Klavierstücke ebenso, wie er über Bluesfragmente improvisieren konnte. Das hat auf seine eigene Musik abgefärbt.

Dass er neue Wege suchte, katapultierte Pernes eine Zeitlang ins Out; zumindest aus der Sicht mancher Kommentatoren, die alle Verstöße gegen die Linientreue mit Verachtung ahndeten. „Für mich“, erinnert sich Pernes an seine stilistischen Landnahmen in den Achtzigerjahren, „war irgendwann einmal auch die Volksmusik interessant. Das hat zu lustigen Missverständnissen geführt.“ Vor allem bei den Ausseer Musikanten, die er einst fragte, ob sie Lust hätten, mit ihm ein Projekt in der Wiener Staatsoper zu realisieren: „Die haben mich angeschaut, als ob ich vom Mond käme.“

 

Ausseerländler in der Staatsoper

Tatsächlich hat es die kühne Verquickung von avantgardistischer Ästhetik mit Ländlern und Zwiefachen dann gegeben: 1984 kam „Alpenglüh'n“ heraus – ein bemerkenswerter Sprengsatz zweier junger Künstler: Zur Musik von Pernes schuf Bernd Bienert damals eine richtungsweisende Choreografie. Das war nach der Uraufführung des Streichquartetts im Jahr 1976 im Wiener Konzerthaus der zweite große Startpunkt in Pernes' Laufbahn. „Alpenglüh'n“ wies die Richtung in die Gefilde eines Musiktheaters, das alle herkömmlichen Formen hinter sich lassen sollte. Lehrmeister Haubenstock-Ramati hatte die Spuren zwei Jahrzehnte zuvor mit der Kafka-Oper „Amerika“ vorgezeichnet. Pernes nennt ihn stets als Leitbild – und hat vor allem die Neigung zur kühnen Fantasie geerbt: Dass ein Stück im Musikverein – ohne Bühne – aufgeführt wird, heißt keineswegs, dass die Ausführenden (Peter Keuschnig und seine „Kontrapunkte“) nicht so agieren sollten, dass die Hörer Lust bekommen, ihre eigene, imaginäre Szenerie zu entwerfen.

 

Schubert auf den Spuren

Jüngst hatte, apropos Landnahme, im Konzerthaus eine ganz spezielle Pernes-Aneignung Premiere: „Es gibt eine von Franz Schubert skizzierte Szene aus dem ,Faust‘, die Szene im Dom, die ich für großes Orchester und Solisten instrumentiert habe. Schubert hat an vielen Stellen angemerkt, welche Klangfarben er sich wünscht. Es war für mich ein herrliches Erlebnis, in diese Welt einzudringen und zu versuchen, aus diesen Momentaufnahmen ein stimmiges Ganzes zu entwickeln.“

Uraufführung: „Die Humanisten“ (nach Ernst Jandl), „Erinnerung“ (auf Gedichte von Ingeborg Bachmann). Ensemble Kontrapunkte. Peter Keuschnig. Musikverein, Magna Auditorium, 23. November, 19.30 Uhr.