1989 – als Jugoslawien noch im toten Winkel lag

(c) APA (ANDREAS TROESCHER)

Der Fall des Eisernen Vorhangs verstellte den Blick auf ein Land, das sich Richtung blutiger Zerfall bewegte.Der neue Premier Ante Markovic will dem hoch verschuldeten Land eine marktwirtschaftliche Rosskur verpassen.

Wir schreiben das Jahr 1989. Der Eiserne Vorhang fällt, in ganz Ost- und Südosteuropa purzeln die kommunistischen Regime. In ganz Ost- und Südosteuropa? Nein, ein Balkanland namens Jugoslawien leistet ein wenig Widerstand gegen diese Entwicklung.

Zumindest auf Ebene des Gesamtstaates: Der neue Premier Ante Markovi? will dem hoch verschuldeten Land eine marktwirtschaftliche Rosskur verpassen. Vergebens: Bis Jahresende steigt die Inflation auf 2665Prozent. Während die KP versucht, durch den verzweifelten Reformschub am Ruder zu bleiben, finden die Umwälzungen dennoch statt. Auf Ebene der Teilrepubliken – wodurch der Partei am Ende der Gesamtstaat abhandenkommen wird.

Das slowenische Zentralkomitee hat schon im Jänner 1989 den Pluralismus dekretiert und damit das eigene Machtmonopol abgeschafft. Im September folgt der nächste Schritt: Das Parlament in Laibach verankert in der Landesverfassung die Souveränität des slowenischen Volkes. Und das Sezessionsrecht. Im nächsten Jahr gewinnt das Mitte-rechts-Bündnis Demos die erste freie Parlamentswahl, während der Reformkommunist Milan Ku?an vom selben Wahlvolk überraschend zum Präsidenten gewählt wird.

Stärker nationalistisch ist die Opposition in Kroatien: Dort gründet Franjo Tudjman, in Ungnade gefallener Ex-Mitstreiter Titos, 1989 seine Partei HDZ und führt sie 1990 zum Wahlsieg.

Im Programm hatten die neuen Kräfte in Kroatien und Slowenien nicht nur Demokratie und Bürgerrechte (was sie im Westen beliebt machte), sondern auch die Eigenstaatlichkeit (was man im Westen gern übersah). Der demokratische Aufbruch in einigen Teilrepubliken war nicht das Einzige, was 1989 den Zug Richtung Zerfall beschleunigte. Dazu kam die zunehmend aggressive Kosovo-Politik einer zunehmend nationalistischen serbischen KP unter ihrem neuen Chef Slobodan Milo?evi?, der 1989 Präsident wurde. Am historischen Ort der Schlacht auf dem Amselfeld gibt er bei einer Rede zu deren 600.Wiederkehr seine nationalistische Visitenkarte ab. Er redet aber nicht nur. Schon Monate vorher ließ Milo?evi? die Autonomie der Provinzen Vojvodina und Kosovo aufheben.

 

Jugoslawiens Bedeutungsverlust

Das turbulente Jahr 1989 trug noch auf ganz andere Weise zum Ende des jugoslawischen Vielvölker-Experiments bei: Die Umbrüche jenes Jahres verstellten lange den Blick des Westens auf die desintegrativen Entwicklungen in Titos Hinterlassenschaft. USA und EG hatten andere außenpolitische Prioritäten: Was ist schon die nationalistische Rede eines serbischen KP-Chefs gegen die Pressekonferenz, mit der Günther Schabowskis das Schicksal der Berliner Mauer besiegelte? Belgrad, Zagreb und Laibach schafften es kaum über die Schwelle der Wahrnehmbarkeit. Als im Juni 1991 in Slowenien die Panzer rollten, sahen alle hin. Doch da war es zu spät.

Die Ereignisse in Jugoslawien 1989 wurden wohl auch deshalb nicht in ihrer vollen Tragweite erkannt, weil der Staat mit dem Ende der Block-Konfrontation seine Bedeutung eingebüßt hatte. Der blockfreie Staat hatte es verstanden, aus seiner geopolitischen Lage Nutzen zu ziehen: Von beiden Seiten umworben, entwickelten sich über die Jahre rege Handelsbeziehungen sowohl mit EG und EFTA als auch mit den RGW-Staaten. Die Furcht, das Land könnte von der anderen Seite zur Gänze vereinnahmt werden, spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Das Ende des Kalten Kriegs brachte für die Blockfreien eine paradoxe Situation: Die Entwicklung gab ihnen zwar irgendwie recht, nahm ihnen jedoch gleichzeitig die Vorteile ihres Status. Sie waren plötzlich uninteressant.

Jugoslawien musste sich also entscheiden, und diese Entscheidung fiel früh und eindeutig aus: 1989 brachte Außenminister Budimir Lon?ar den Antrag auf Assoziierung an die EG ein. Die legte Ende 1990 die Verhandlungen aber auf Eis. Wozu noch mit einem Staat verhandeln, den es womöglich bald nicht mehr geben sollte?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2009)