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London: Lieferwagen fährt in Gruppe Muslime

Ein Lieferwagen hat im Stadtteil Finsbury Park in der Nacht auf Montag mehrere Fußgänger erfasst und verletzt.
Ein Lieferwagen hat im Stadtteil Finsbury Park in der Nacht auf Montag mehrere Fußgänger erfasst und verletzt.Reuters
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Im Norden Londons ist ein Minivan in eine Gruppe Gläubige gefahren, die zuvor in einer Moschee gebetet hatten. Mindestens ein Mensch wurde getötet. Premierministerin Theresa May vermutet einen Terroranschlag.

Bei einem blutigen Zwischenfall im Londoner Stadtteil Finsbury Park ist in der Nacht auf Montag ein Mann getötet worden, zehn weitere Personen mussten mit Verletzungen behandelt werden. Die Opfer gehören alle der muslimischen Gemeinde an, gab Scotland Yard bekannt. Es gebe außer dem Fahrer keine weiteren Verdächtigen. Man habe auch keine Waffen wie etwa Messer bei dem Fahrer des Lastwagens gefunden. Ein Minivan war zuvor in eine Menschenmenge nahe einer Moschee gefahren. Der Fahrer wurde festgenommen. Die genauen Hintergründe des Vorfalls waren zunächst noch unklar. Augenzeugen hatten den 48-jährigen Fahrer des Lieferwagens festgehalten, bis die Polizeibeamten eintrafen. Der Mann sei "als Vorsichtsmaßnahme" in ein Krankenhaus gebracht worden und werde auf seine psychische Gesundheit untersucht. Acht Verletzte wurden den Polizeiangaben zufolge in Krankenhäuser gebracht, zwei Leichtverletzte am Ort des Geschehens behandelt.

Der Fahrer des Lieferwagens soll laut Augenzeugen absichtlich in die Gruppe von Muslimen gefahren sein, die gerade von einem Gebet aus der Moschee kamen. Noch bis zum 24. Juni geht in diesem Jahr der Fastenmonat Ramadan, in dem Nachtgebete üblich sind. Nach Polizeiangaben gibt es bisher keine Erkenntnisse zu weiteren Verdächtigen. Mindestens eine Person ist laut einem Zeitungsbericht mit einem Messer verletzt worden. Nach Angaben des Britischen Rats der Muslime ereignete sich der Vorfall vor einem muslimischen Gemeinschaftshaus in der Nähe einer Moschee im Stadtteil Finsbury Park - nicht direkt vor der Moschee, wie es der Rat zunächst mitgeteilt hatte.

Der Täter soll Augenzeugen zufolge gerufen haben: "Ich habe meinen Teil getan". Das berichtete Toufik Kacimi, der Leiter des Gebetshauses, dem britischen Sender Sky News.


"Schrecklicher Zwischenfall"

Premierministerin Theresa May bestätigte, dass der "schreckliche Zwischenfall" nahe einer Moschee ein potenzieller Terroranschlag sein könnte. "All meine Gedanken sind mit jenen, die verletzt wurden, mit deren Angehörigen und mit den Rettungskräften vor Ort", teilte May Montagfrüh mit. Jeremy Corbyn von der oppositionellen Labour-Party twitterte, er sei "total schockiert". Er habe bereits mit Vertretern der Moschee und der Polizei gesprochen, sagte der Vorsitzende der Sozialdemokraten." Londons Bürgermeister Sadiq Khan twitterte: "Meine Gedanken und Gebete sind bei den Betroffenen dieses entsetzlichen Angriffs auf unschuldige Menschen." Am Montag bezeichnete Khan den Vorfall als "schrecklichen Terroranschlag". Das Ziel der vorsätzlichen Tat seien "unschuldige Londoner" gewesen, von denen viele gerade "ihre Gebete im heiligen Monat Ramadan beendet hatten". 

Großbritanniens Oppositionsführer Jeremy Corbyn hat nach der Attacke angekündigt, in dem betroffenen Gotteshaus zu beten. Der Vorsitzende der oppositionellen Labour-Partei ist Wahlkreisabgeordneter des Londoner Stadtteils, in dem der Angriff in der Nacht zu Montag passierte. "Ich bin schockiert von dieser entsetzlichen und grausamen Attacke (...). Meine Anteilnahme gilt der Familie und den Freunden des Mannes, der gestorben ist", schrieb Corbyn.

Aus Sicht des Britischen Rats der Muslime könnte es sich um einen gezielt gegen Muslime gerichteten Anschlag gehandelt haben. "Von den Augenzeugenberichten her scheint es, als wäre der Täter von Islamhass motiviert gewesen", schrieb der Rat auf Twitter. Die Moschee war früher als eine Anlaufstelle für Islamisten bekannt. Als Imam der Moschee von Finsbury Park hatte der in einem US-Terrorprozess zu lebenslanger Haft verurteilte Abu Hamza gewirkt. Hamza hielt in dem Gotteshaus in den neunziger Jahren radikalislamische und antiamerikanische Brandreden. Die neue Moschee-Leitung hatte in der Vergangenheit Drohungen erhalten.

Nach dem Zwischenfall vermutet der islamische Dachverband einen Angriff auf Muslime.
Nach dem Zwischenfall vermutet der islamische Dachverband einen Angriff auf Muslime.Reuters

Augenzeugin: "Es gibt viele Menschen, die weinen"

Die Polizei hatte nach eigenen Angaben gegen 00.20 Uhr (Ortszeit, 01.20 Uhr MESZ) die ersten Notrufe erhalten. Die Einsatzkräfte wurden daraufhin zum Ort des Geschehens geschickt. Die Polizei riegelte die Gegend um die Seven Sisters Road ab. Eine Augenzeugin, Cynthia Vanzella schilderte via Twitter ihre Eindrücke vom Unglücksort: "Schrecklich Polizisten zu sehen, die Herzmassagen bei am Boden liegenden Menschen machen, verzweifelt hoffend, sie zu retten." "Es gibt viele Menschen, die weinen und viele Verletzte", sagte ein anderer Zeuge, David Robinson. "Es scheint so, als sei die Moschee das Ziel gewesen." Ein 19-Jähriger beschrieb das Unfallfahrzeug als "weißen Lieferwagen mit drei Männern an Bord".

Hintergründe sind unklar

Die genauen Hintergründe des Vorfalls waren zunächst unklar. In den vergangenen Wochen waren bei drei Terroranschlägen in London und Manchester zahlreiche Menschen getötet worden. Alle Attentäter waren Muslime. Am 3. Juni hatten auf der London Bridge und am Borough Market drei Terroristen mindestens acht Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Die Täter wurden kurz darauf von Polizisten erschossen. Der Terroranschlag in Manchester am 22. Mai war ein islamistisches Selbstmordattentat, das nach einem Popkonzert der US-amerikanischen Sängerin Ariana Grande in der Manchester Arena in Manchester verübt wurde. 23 Menschen starben. Im März hatte ein Angreifer einen Polizisten erstochen. Der Täter war damals auf der Westminster-Brücke in London mit hohem Tempo in Fußgänger gefahren und hatte mehrere Menschen getötet und Dutzende verletzt. Anschließend tötete er mit einem Messer einen unbewaffneten Polizisten. Der Attentäter wurde erschossen.

 

(APA/AFP/dpa/Reuters)