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Zellquell Fruchtwasser

(c) AP (Andre Penner)
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Ein Team um Markus Hengstschläger (Med-Uni Wien) weckt Hoffnungen auf „fötale“ Stammzellen.

Eine „echte Konkurrenz“ zu bisherigen Stammzellen hat Markus Hengstschläger (Med-Uni Wien) im Fruchtwasser gefunden, „Fruchtwasser-“ oder auch „fötale Stammzellen“. Dass es im Fruchtwasser stammzellähnliche Zellen gibt, bemerkte der Forscher als Erster 2003, nun ist es ihm, gemeinsam mit dem Wiener Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger und Anthony Atala (Wake Forest School of Medicine) gelungen, aus diesen Zellen etwas zu ziehen – „embryoid bodies“ –, aus dem dann wieder unterschiedlichste Körperzellen für Transplantationszwecke gezogen werden können.

Das ging lange nur mit embryonalen Stammzellen (ES), den Hoffnungsträgern mit dem ethischen Manko, dass zu ihrer Gewinnung Embryos produziert und zerstört werden müssen. Sie und nur sie sind „totipotent“, aus ihnen können alle Zelltypen werden, auch Plazenta. Die Medizin wäre mit „multipotenten“ Zellen – ohne Plazentafähigkeit und Ethikprobleme– zufrieden. Woher nehmen? Manche setzen auf adulte Stammzellen, Zellen von späteren Entwicklungsphasen, etwa aus Nabelschnurblut.

Aber sie hielten ihre Versprechen bisher kaum, sind zudem in Kultur schwer zu ziehen, teilen sich schlecht. „Unsere Zellen wachsen wie verrückt, sie teilen sich alle 36Stunden“, berichtet Hengstschläger der „Presse“, „wir haben schon mehrere Zelllinien gemacht und daraus 20, 30 Zelltypen gezogen.“ In dieser Hinsicht sind für den Forscher die neuen Zellen mit ES vergleichbar, in einer anderen sind sie es nicht: ES erzeugen, wenn sie etwa Mäusen injiziert werden, besondere Tumore, Terratome, damit testete man bisher, ob eine Stammzelle wirklich eine ist. Die „fötalen Stammzellen“ tun das nicht. Für einen klinischen Gebrauch wäre das von Vorteil (Oncogene, 23.11.09).

 

Ersatzgewebe bei der Geburt parat

Wo bzw. wem könnten solche Zellen helfen? Hengstschläger verweist auf das Naheliegendste: Fruchtwasser wird für Gentests oft ohnehin entnommen. Zeigen andere Diagnosen, dass ein Fötus etwa einen offenen Rücken hat („spina bifida“) oder funktionsunfähige Nieren – dann könnte man aus dem Fruchtwasser Ersatzgewebe ziehen, während der Fötus im Mutterleib heranreift, und es nach der Geburt transplantieren: Haut auf Dauer für den offenen Rücken, Nierenzellen zur Überbrückung der Zeit, bis eine Nierentransplantation möglich ist.

Diese Zellen kämen von den Patienten selbst, ließen also keine Immunabwehr befürchten. Das versprechen auch die Zellen, auf die der internationale Mainstream setzt, die induzierten pluripotenten Stammzellen, ipS, Körperzellen, die durch Gene verjüngt wurden. Sie könnten jedem Erwachsenen zur Selbsttherapie entnommen werden. Fötale Stammzellen hingegen könnten (ohne Immunabwehr) nur den ganz kleinen Patienten selbst helfen – oder sie müssten zum späteren Gebrauch eingelagert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2009)