„Todeslaster“–Prozess: „Ich kann doch nichts dafür“

UNGARN: BEGINN PROZESS NACH A4-FLÜCHTLINGSDRAMA IN KECSKEMÉT
UNGARN: BEGINN PROZESS NACH A4-FLÜCHTLINGSDRAMA IN KECSKEMÉTAPA/GEORG HOCHMUTH

Am Freitag sagte vor dem Gericht in Kecskemét (Ungarn) der Fahrer des Aufklärungsautos aus, das vor dem Kühllaster mit 71 Flüchtlingen gefahren war.

Kecskemét. In der südungarischen Stadt Kecskemét (rund 110.000 Einwohner) ist am Freitag der Prozess gegen jene bulgarisch-afghanische Schlepperbande fortgesetzt worden, die für den Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in einem Kühl-Lkw im August 2015 auf der Fahrt von Südungarn nach Österreich verantwortlich sein soll. Die Leichen der Menschen waren am 27. August bei Parndorf (Burgenland) in dem Fahrzeug am Rand der Ostautobahn gefunden worden; es war am Tag zuvor gestartet, vom Fahrer aber bei Parndorf verlassen worden, nachdem ihm schwante, dass die Menschen im Frachtraum nicht mehr lebten.

Im Mittelpunkt stand am dritten Verhandlungstag die Rolle des Fahrers eines Begleitautos, der als Aufklärer vorangefahren war. Der als Drittangeklagter geführte Bulgare (39) verweigerte die Aussage. Dasselbe hatten an den ersten beiden Prozesstagen dieser Woche der mutmaßliche Bandenboss, ein 30-jähriger Afghane, und dessen Vize, ein Bulgare, getan. Richter Janos Jadi verlas also auch diesmal die Protokolle der Aussagen vor dem Untersuchungsrichter von 2016.

Vom Massensterben nichts bemerkt

Die Aufgabe des Aufklärers war es, den Transport vor allfälligen Polizeikontrollen und Störungen des Verkehrs zu warnen. Von den Vorgängen im Kühllaster weit hinter ihm, dessen Insassen vor Hitze und Luftmangel schon eine Dreiviertelstunde nach der Abfahrt zu schreien und an die Wände zu hämmern begannen, hat der Beschuldigte eigenen Aussagen zufolge nichts mitbekommen.

Er habe sogar nichts davon erfahren, nachdem er den Chauffeur des Todeslasters auf dessen telefonische Aufforderung hin auf der A4 im Burgenland abholte, um nach Ungarn zurückzufahren. „Er sagte nichts, da wusste ich nicht, dass Menschen in dem Lkw tot waren“, gab der Angeklagte demnach zu Protokoll.

Dem 39-Jährigen werden organisierte Schlepperei und mehrfacher Mord unter besonders grausamen Umständen vorgeworfen. „Ich bitte um Verzeihung, doch ich kann nichts dafür“, beteuerte der Bulgare bei der Einvernahme im Vorverfahren. Angeworben als Fahrer wurde er angeblich in Bulgarien von einem Mann, dem er 600 Euro schuldete. Dieser habe ihm eine legale Arbeit versprochen. Also sei er nur bei einigen wenigen Personentransporten nach Österreich und Deutschland mitgefahren, weil er schnell nach Hause zur Familie wollte. Offenbar dauerte der „Job“ aber länger als angenommen: Man habe ihm nämlich 1000 Euro versprochen, wenn er noch ein paar Tage länger arbeite. Genau dann kam es zu der Katastrophenfahrt.

„Ich hab nur die Brösel bekommen“

„Ich hab nur die Brösel bekommen“, sagte der Bulgare in Anspielung auf die enormen Gewinne der Bande, von der zehn Mitglieder vor Gericht stehen. Den Anwerbern der Fahrer sei es egal gewesen, sollte einmal ein Chauffeur gefasst werden; dann hätten sie die vorgesehene Entlohnung von 500 Euro pro Einsatz einbehalten. Den mutmaßlichen Chef, den Afghanen Samsooryamal L., habe er im übrigen nur zwei Mal gesehen. Nächster Verhandlungstag ist der 29. Juni. Dann sollen der Fahrer des Todeslasters und ein Fahrzeugeinkäufer aussagen. Vier der zehn Angeklagten droht lebenslange Haft wegen qualifizierten Mordes, den anderen drohen bis zu 20 Jahre wegen organisierter Schlepperei. (ag./red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2017)