Vor 2000 Jahren starb der römische Dichter Ovid. Wo? Das haben wir alle einmal gelernt: am Schwarzen Meer, in der Verbannung, im Unglück. Der für seine erotischen Dichtungen bekannte Ovid war bei Kaiser Augustus in Ungnade gefallen. Oder war alles ganz anders?
Die Biografien antiker Autoren sind oft nur dürftig belegt, da freut sich die Nachwelt: So lässt es sich wunderbar spekulieren und fantasieren, zum Beispiel über Publius Ovidius Naso, von dem wir nicht einmal den genauen Todestag wissen, nur das Jahr: 17 nach Christus. Dabei sind wir über seine Zeit, die des Kaisers Augustus, gut informiert, nur was Ovid betrifft, müssen wir uns auf die Zeilen in seinen Dichtungen stützen, in denen er „ich“ sagt. Das Rollenspiel, das er hier mit uns treibt, mag amüsant sein, doch es ist ein Rollenspiel. Wer daraus die Realität zu erkennen glaubt, ist schon verloren. Besonders, wenn die römischen Autoren über ihre Liebesaffären sprechen, ist Vorsicht geboten: Oft besteht die puella nur auf dem Papier.
Ovids Ruhm hat die 2000 Jahre seither mühelos überstanden, er hat das selbst prophezeit: Solange das Römische Weltreich existiere, werde er „mit den Lippen der Leser gelesen werden“. Diesen Zeitrahmen hat er zweifellos gesprengt. Lateinlehrer haben wenig Mühe, seine „Metamorphosen“ den Schülern nahezubringen. Sie enthalten nicht nur die mythologischen Themen der Antike, das ABC der Götter und Heroen, ohne deren Kenntnis man die kunsthistorischen Museen dieser Welt erst gar nicht zu betreten braucht, sie sind auch ein Vergnügen.
Sex und Politik. Wenn die Schüler dann noch ein Gespür für Sprache haben, entdecken sie bei Ovid nicht nur eleganten Sprachwitz, sondern auch eine postmoderne Verspieltheit mit ironischen Anspielungen: Man darf das Erzählte nicht allzu ernst nehmen, die Wortspiele, Zitate, Gedankenexperimente des poeta doctus erlauben nicht, ihn auf eine bestimmte moralische oder politische Position festzulegen. Dieses Misstrauen gegenüber den großen Narrativen hat auch moderne Autoren fasziniert, Christoph Ransmayr wurde durch die Auseinandersetzung mit Ovid zu einem viel bewunderten postmodernen Roman inspiriert, „Die letzte Welt“ erschien 1988.