Gartenkralle

Wasser für die Bäume

Die Bäume im Garten werden gegossen, aber wer kümmert sich um die Stadtbäume?
Die Bäume im Garten werden gegossen, aber wer kümmert sich um die Stadtbäume?(c) Ute Woltron

Die alte Birke im Garten kann man notfalls selbst mit Wasser versorgen, wenn es so trocken ist, doch kümmert man sich eigentlich ausreichend um durstige Stadtbäume?

Die Dürre der vergangenen Wochen hat die Wiesen und Getreidefelder goldblond gebleicht. Bald werden die ersten Mähdrescher daherklappern und staubend ihr Werk verrichten – ein untrügliches Zeichen für den nahenden Schulferienbeginn. In den Gärten ist das Gras meistenteils zu einer Art Heufläche verkommen. Braun und dürr. Es ist, zumindest im Osten des Landes, kaum Tau gefallen, Regen schon gar nicht, und wenn man barfuß über den Rasen geht, raschelt er unter den nackten Füßen.

Die für den Juni ungewöhnliche Trockenheit, das verdorrte Gras, die Bruthitze, der Staub. Das erinnert an einen längst vergangenen Sommer in den 1970er-Jahren, der besonders heiß und staubig und insofern erinnerungsträchtig war, als die Erziehungsberechtigten volle vier durchgehend wolkenlose Wochen verreist und wir Sprösslinge den Großeltern überantwortet waren. Freiheit!

Palatschinken und Marillenknödel ohne Ende. Fernsehen mit zwei Geräten gleichzeitig, weil bei einem Apparat nur der Ton, beim anderen nur das Bild funktionierte. Baden im Fluss. Krebse mit der Hand fangen, Grillen mit einem Grashalm aus den Löchern kitzeln, Forellen braten, dreckig ins Bett gehen, nächtens die Schwärmer am Liguster und an den Nachtkerzen mit der Taschenlampe beobachten, in Heuhaufen springen, Schmetterlinge fangen, freihändig Rad fahren. Es war, aus all diesen Gründen, der Sommer aller Sommer, obwohl ich noch nicht einmal in die Volksschule ging.

Elementare Fragen

Einer der hiesigen Greißler warb mit in dickem Filzstift handgeschriebenen Plakaten für hitzebedingt verbilligtes Sodawasser. In seiner Tiefkühltruhe gab es Eskimo-Eis. Der andere Greißler gehörte der Schöller-Eisfraktion an, und es herrschte ein reges Pendeln zwischen den beiden. Jolly oder Rumfass, Paiper oder Balla mit Kaugummikugel. Das waren elementare Fragen.

Meine Großmutter hatte zwei Gemüsegärten. Der eine verfügte über einen Wasseranschluss und war schnell gegossen. Der andere war ein uralter, prachtvoller Bauerngarten mit steinernen Beeteinfassungen, eine Oase voller Ribiselstauden, Bohnenzeilen, Kraut- und Kartoffeläckerchen. Der hatte keinen neumodischen Wasseranschluss. Dafür gab es einen von einer Quelle gespeisten alten Brunnen, einen quadratischen steinernen Schacht, der mittels eines ziemlich großen Holzstoppels am Grund verschließbar war. Man wickelte einen Fetzen um das Holz, stopfte es in das Abflussloch, und das Quellwasser überflutete langsam erst den Schacht, dann Teile des Gartens.

Mein Großvater hingegen hatte schlechtere Karten. Er hatte auf einem ehemaligen Feld, ein Südhang in der Dauersonne, einen Obstgarten angelegt. Die Bäumchen waren noch klein, der Sommer war staubtrocken, und es gab kein Wasser da oben. Er ging jeden Tag geduldig mit Kübeln auf und ab und goss seine Bäumchen. Rund um die Baumscheiben hatte er die entsprechenden Vertiefungen eingefurcht, sodass kein Tropfen verloren ging und alles Richtung Baumwurzeln geleitet wurde. Dicke Mulchschichten sorgten außerdem dafür, dass nichts unnötigerweise verdunstete. Er liebte seine Bäumchen sehr, er schnitt sie, goss sie, freute sich an ihnen, kannte jeden einzelnen wie ein Haustier.

Diese Bäume stehen zum Teil noch. Sie werden demnächst wieder Kirschen, Äpfel, Nüsse und Birnen spenden, so wie jedes Jahr. Es gibt auch noch eine Birke, die neben den Obst- die Lieblingsbäume meines Großvaters waren. Die werde ich jetzt wieder gießen. Luxuriöserweise mit dem Schlauch. Sie ist mindestens 15 Meter hoch und braucht mich, seit er nicht mehr da ist. Zumindest in so extremen Trockenphasen wie dieser, also nur alle paar Jahre. Birken sind sehr durstig. An einem heißen Sommertag kann ein großer Baum mehrere 100 Liter Wasser verdunsten, und wenn er nicht genug davon bekommt, geht er ein.

Ich fahre durch die Stadt, sehe die durstigen Straßenbäume. Schaue hinauf in die Kronen, sehe, dass sie in vielen Bezirken in großen Mengen leiden, teilweise absterben, weil dieser ja auch nicht der erste Hitzesommer ist, dürre Äste bekommen, und am liebsten würde ich mir einen Hydrantenschlüssel besorgen und ohne Rücksicht auf Recht und Ordnung zu gießen beginnen. Hätte ich vor meiner Haustür einen solchen Baum, würde ich mich um ihn kümmern, würde auf das Minimum an Baumscheibe, das ihm zwischen Beton und Asphalt gegönnt ist, einen Schlauch legen und dann herausfinden, wer für das Bäumegießen in meinem Bezirk zuständig ist. Macht jemand mit?

Lexikon

Stadtbäume. Sie haben es nachweislich schwer. Versiegelte Flächen, wenig Erdreich in kleinen Baumgruben, verdichtete Böden, wenig Wasser, wenig Nährstoffe, dafür Streusalz im Winter.

Umwelt. Neben allen ästhetischen Aspekten liefern Stadtbäume auch Wohlbehagen. Sie senken die Konzentrationen von Ozon, Stickoxiden und anderem, filtern Feinstaub und dergleichen mehr.

Wasser. Ein 20 Meter hoher Baum produziert an einem Sonnentag bis zu 13 Kilo Sauerstoff, verarbeitet an die 9000 Liter Kohlendioxid, produziert rund zwölf Kilo Zucker, befeuchtet die Luft mit bis zu 400 Liter Wasser und kühlt damit die Umgebung merklich ab.

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