''Wahrzeichen'' Audimax
Lokalaugenschein am Tag 42
Es ist die sechste Woche der Audimax-Besetzung. Es tummeln sich zwar nicht mehr so viele Studenten im und um den Hörsaal. Aber aufgeben wollen sie noch nichtEin Lokal-Augenschein von Rosa Schmidt-Vierthaler
Am Tag 42 der Besetzung ist der Strom ausgefallen, man behilft sich mit Verlängerungskabeln und einem Spot auf der Bühne. Es läuft gemütliche Musik, am Nachmittag sind zwischen 20 und 30 Studenten da.
Ein paar haben Unterlagen zum Lernen dabei, andere tratschen. In der hinteren Reihen schnarcht ein Obdachloser laut vor sich hin. Eine neugierige Schülergruppe macht nach der Uni-Besichtigungstour einen Abstecher.
(c) DiePresse.com (Schmidt-Vierthaler)
"Ich habe gegen die Proteste nichts einzuwenden, aber von der Besetzung halte ich nicht viel," erzählt einer der Schüler. Er findet es schlecht, dass die Vorlesungen ausgelagert werden müssen, seine Freundin ist betroffen.
Im größten Hörsaal der Uni Wien versuchen die Studenten, Regeln durchzusetzen. Doch wie das Plakat zeigt, gibt es auch Gegner des Alkohol- und Zigarettenverbots. Die Galerie haben die Besetzer mit Hilfe des Sicherheitsdienstes gesperrt - und vorher noch geputzt, wie betont wird.
Die Studenten kämpfen gegen interne Schwierigkeiten genauso wie gegen externe. Für Daniel, der Geschichte studiert, ist das größte Problem, "dass im Plenum nichts mehr rauskommt". Zu viele Streitereien und Verständnisprobleme, Inhalte müssten ständig neu formuliert werden.
Für eine Räumung will er trotzdem nicht eintreten. Das sei nicht so einfach, da das Audimax mittlerweile zu einem "Wahrzeichen" geworden sei. Viele Studenten in Deutschland würden beobachten, was hier in Wien passiert.
Doch die Besetzung kann auch schleichend ein Ende finden. Wird sie etwa die Weihnachtsferien überleben? Die AG Weihnachten soll das verhindern. Sie wird das Audimax schmücken und für festliche Stimmung sorgen.
Und ein Besetzer sagt, er könne sich "nichts Schöneres vorstellen, als Weihnachten hier zu feiern". Vielleicht würde sogar seine Familie kommen.
In der Zwischenzeit hat Rektor Winckler verkündet, dass er einer Forderung der Studenten nachkommen will und sich am Freitag einer Diskussion mit dem Plenum stellen will - der Hörsaal wird dann sicher wieder platzend voll sein.
Diese Studenten werden sich darüber freuen. Denn sie wünschen sich, dass der Rektor "einfach mal Stellung zu den Forderungen nimmt". Sie berichten, dass Ratlosigkeit darüber herrscht, wie es nun weitergehen kann. Aber zumindest bleibe den Studenten das Bewusstsein, dass sie aktiv sind und schnell mobilisieren können.
Besonders enttäuscht sind die drei darüber, dass mit Wissenschaftsminister Hahn kein "ehrliches Gespräch" zustande gekommen sei. Er hätte sie und ihre Anliegen völlig ignoriert.
Die Vorbereitungen für die nächste Demonstration laufen schon: Treffpunkt ist am Samstag der Westbahnhof. Beim letzten Protestmarsch hatte das Interesse gegenüber dem Beginn der studentischen Revolte allerdings schon abgenommen.
Für schlechte Stimmung im Audimax sorgt derzeit die Forderung der ÖVP an Rektor Winckler, ein Machtwort zu sprechen und wenn nötig auch durch eine polizeiliche Räumung zu veranlassen.
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Eine Woche zuvor sollte der Protest in Verhandlungen umgeleitet werden, was allerdings gründlich schiefging. Minister Hahn veranstaltete eine Mammutkonferenz, auf der jeder Teilnehmer nur wenige Minuten Sprechzeit hatte.
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Auch drei Vertreter der Audimax-Besetzer kamen und nutzten ihren Auftritt für einen Show-Effekt: Unter den Klängen von "When The Saints Go Marching In" zogen sie in den Hochschuldialog ein.
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Mitgebracht hatten sie Musiker, Clowns, Luftballons und Fans. Welche der protestierenden Studenten mitdiskutieren sollten, war einen Tag zuvor entschieden worden: Die Protestbewegung der Studenten castete "die Drei" - also jene Studenten, die die Besetzer vertreten.
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Auf einem mitgebrachten roten Teppich marschierten "die Drei", die Sonnenbrillen und T-Shirts mit der Aufschrift "Eine(r) von vielen" trugen, zur Aula der Akademie der Wissenschaften. Dort mussten sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie denn überhaupt ernst genommen werden wollen.
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Die Grundregeln für "die Drei": Sie sollen beim Dialog klarmachen, dass sie keine Vertreter oder Abgesandten der Besetzer sind und "möglichst oft auf den echten Bildungsdialog verweisen". Um eine "Entpersonalisierung" zu gewährleisten, nannten "die Drei" ihre Namen nicht.
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Neben Hahn und Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) waren etwa siebzig Personen beim Dialog: Vertreter der Sozialpartner, die Klubobleute und Wissenschaftssprecher der Parlamentsparteien, das Präsidium der Uni-Konferenz, die Exekutive der ÖH sowie die Vorsitzenden der einzelnen Studentenfraktionen.
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Gegenveranstaltung: Die Audimax-Besetzter riefen zum "Echten Bildungsdialog" auf, der zeitgleich im Wiener Kabelwerk stattfand. Die Minister Hahn und Schmied kamen aber auch nach Ende des Hochschuldialogs nicht. Auch sonst kam wenig Prominenz.
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