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Die Rückkehr des Kinderstrichs ins Wiener Stuwerviertel

Die Kinder waren aus dem Rotlichtviertel schon verschwunden, jetzt kämpft die Polizei dort wieder gegen Prostitution von Minderjährigen. Viele stammen aus ungarischen Heimen. Daneben entwickelt sich der Wiener Westbahnhof zu einem Hotspot – die Anbahnung passiert auch über Foren im Darknet.

Der Lärmpegel am Spielplatz in der Venediger Au in der Leopoldstadt ist an diesen heißen Junitagen besonders hoch. Dutzende lachende und kreischende Schul- und Kindergartenkinder lassen hier das Schuljahr ausklingen, bevor die Ferien anbrechen. Ein zierliches Mädchen im kurzen Blümchenrock und mit Glitzerballerinas, das Haar zu Zöpfen geflochten, beobachtet das Gedränge um Rutschen, Schaukeln und Klettergerüst vom Zaun aus. Zsofia ist aber nicht zum Spielen hergekommen. Sie wartet darauf, dass ein Auto vorfährt und sie abholt. Zsofia ist minderjährig und geht auf den Strich – so wie Beobachtungen der Polizei zufolge rund 20 weitere Mädchen und Burschen aus (hauptsächlich) Ungarn, die sich hier im Stuwerviertel vornehmlich rund um die Spielplätze aufhalten.

Das Grätzel ist seit Jahrzehnten als Rotlichtviertel verschrien. Die Frauen sind trotz Verbots des Straßenstrichs im Jahr 2011 nicht verschwunden. Dazu war und ist Kinderprostitution hier ein immer wieder aufkeimendes Problem. Erst vergangenen Herbst hat das Bundeskriminalamt einen ungarischen Menschenhändlerring ausgehoben. 23 Mädchen und fünf Burschen, die zur Prostitution gedrängt wurden, wurden aus ihren Fängen gerettet. Für eine Zeit waren die Kinder aus dem Viertel verschwunden – mit der warmen Jahreszeit kehren sie zurück.

(c) Grafik - Die Presse

 

Falsche Versprechungen. Wie auch das letzte Mal sind die Mädchen häufig ungarische Roma, manchmal nicht älter als zwölf Jahre. Der Großteil ist in ärmlichen Arbeiterhäusern in Ungarn groß geworden. Sie haben meist weder Schulbildung noch Eltern, die sich um sie kümmern. Manche sind überhaupt Waisen und in Heimen aufgewachsen.

So wie Szofia. Das schüchterne Mädchen gibt gegenüber der „Presse am Sonntag“ nicht viel über sich preis – außer dass sie 15 Jahre alt, „alleine“ groß geworden sei und eigentlich keine Lust habe, weiter etwas über sich zu erzählen. Sie schnorrt noch eine Zigarette, bevor sie am Absatz kehrtmacht und sich ein paar Meter weiter wieder an einen Radständer lehnt.

Vermutlich hat das Mädchen Aufpasser, denen es nicht gefällt, wenn es mit jemandem spricht. Diese sind oft schwer zu erkennen, weil sie sich in der Masse der Menschen am Spielplatz gut tarnen können. Sie sitzen dort scheinbar lesend oder tippen auf ihrem Handy – so wie das andere Eltern auch tun, während sich ihre Kinder austoben. Die Männer und Frauen haben die Minderjährigen aus sicherer Distanz zu der hier ständig patrouillierenden Polizei gut im Blick. Sie passen genau auf, was sie tun und mit wem sie zu tun haben.

Dass man auf sie aufpassen würde, ihnen eine Familie sein wolle – diese Mär wurde den Jugendlichen in Ungarn so lange aufgetischt, bis sie den Menschenhändlern vertrauten und mit ihnen nach Österreich fuhren. Auch die Loverboy-Methode ist beliebt: Zuhälter in spe spielen jungen Mädchen die große Liebe vor und drängen sie so in ein Abhängigkeitsverhältnis.

Anbahnung. Szofias Vergangenheit, wer und welche Versprechungen sie hierher gebracht haben, bleibt der „Presse am Sonntag“ weitgehend verborgen – wie ihre Gegenwart nun aussieht, kann aus ein wenig Distanz beobachtet werden: ein kettenrauchendes Mädchen. Freier, die nicht selten in Anzügen und fast immer teuren Autos im Viertel nach Frauen für schnelle Befriedigung nach ihrem Geschmack suchen. Nicht selten sind auf den Rückbänken Kindersitze montiert. Und ab und zu bleibt ein Auto bei Szofia stehen, die ohne zu zögern einsteigt und mitfährt – als wüsste sie genau, dass diese Männer genau sie suchen. Tatsächlich ist das auch so: „Wer wo zu finden ist, welcher Typ Mädchen und auch, wo die Polizei kontrolliert, das findet sich alles in einschlägigen Foren im Darknet“, erzählt Chefermittler Gerald Tatzgern, der im Bundeskriminalamt für Menschenhandel und Schlepperei zuständig ist.

In diesen Foren würden sich Freier wie Zuhälter auf dem Laufenden halten: Dort ist zu lesen, wann die Polizei wo ist, wer im Dienst ist, inklusive Beschreibung der Beamten. Selbst verdeckte Ermittler oder Zivilautos erkennen die Kriminellen nach einiger Zeit. Um die ständig kreisenden Freier einzudämmen, wurde das Grätzel bereits 2011 in ein Einbahnsystem umgewandelt – es zeigte Wirkung, hat aber auch den Nachteil, dass die Polizei ebenfalls nur in eine Richtung fahren kann. Dass bei den Einfahrten in das Grätzel Zuhälter positioniert sind, die die häufig patrouillierende Polizei beobachten, ist wahrscheinlich.

So kann beim Lokalaugenschein rund um den Spielplatz am Max-Winter-Platz beobachtet werden, dass teils sehr jung aussehende Mädchen Anrufe bekommen. Daraufhin verschwinden sie auf dem Spielplatz im Getümmel. Wenig später passiert ein Polizeibus – sobald der verschwunden ist, kommen die Mädchen wieder und stehen wieder am Straßenrand herum oder laufen unablässig um einen Häuserblock. Offensichtlich versucht nicht nur die Polizei, die andere Seite auszuspionieren. Aber auch aus anderen Gründen sind die Ermittlungen nicht einfach – denn selbst wenn potenzielle Freier ausgemacht werden, ist ihnen ihr Vorhaben nur schwer nachzuweisen.

Im Viertel zu kreisen und sich umzusehen, ist zwar verdächtig, aber nicht verboten. Sogar wenn einmal jemand durch Glück in flagranti erwischt wird, ist die Beweisführung schwierig. Es kam schon vor, dass Verdächtige dann vor Gericht behaupteten, sie seien von der Volljährigkeit des Mädchens ausgegangen. Nun ist die Anbahnung mit volljährigen Prostituierten auf der Straße zumindest in Wien zwar auch verboten – die Strafe dafür ist aber weitaus geringer als jene für sexuelle Handlungen mit Minderjährigen.

Neben der Ausforschung von Freiern und Kriminellen will das Bundeskriminalamt vor allem die Minderjährigen aus ihrer Lage befreien. Kontakt zu knüpfen, ist aber mitunter schwierig, weil die Jugendlichen – wie Szofia – oft nur Ungarisch sprechen. „Viele der Mädchen sprechen kein Wort Deutsch. Sie haben einen Zettel mit, auf dem steht, wie viel was kostet“, sagt Tatzgern. Die Kosten für Sexdienstleistungen liegen im Stuwerviertel zwischen fünf und zwanzig Euro. Zur Verrichtung fahren die Freier mit den Mädchen meist in die nahegelegene Parkgarage beim Prater. Was sie verdienen, müssen die Mädchen bei ihren Zuhältern abliefern.

Internationale Kooperation. Die Angst und das Misstrauen seitens der Jugendlichen gegenüber der Polizei ist groß. Zu Beginn der Ermittlungen hat man versucht, die Mädchen zur Krisenintervention in die Drehscheibe, eine Kinderhilfeeinrichtung der Stadt Wien, zu bringen. Dort rissen sie nach kurzer Zeit häufig wieder aus – und wurden wenig später wieder am Straßenstrich gefunden. „Es besteht oft ein perfides Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Menschenhändlern und den Jugendlichen“, sagt Tatzgern. Das würde nicht verschwinden, nur weil man den einen vom anderen räumlich trennt.

Darum setzt das Bundeskriminalamt nun auf intensive Zusammenarbeit mit ungarischen Kollegen und NGOs, die sie bei Schwerpunktaktionen in Wien bei Ermittlungen und Sozialarbeit vor Ort unterstützen. Andererseits wurde ein Hilfsnetzwerk in Ungarn aufgebaut. Wenn die österreichischen Beamten nun Kinderprostituierte auflesen, bringen sie sie an die Grenze, wo sie von ungarischen Kollegen übernommen und in spezielle Sozialeinrichtungen gebracht werden.

Schätzungen zufolge gibt es in Wien rund 200 minderjährige Prostituierte. Neben dem Stuwerviertel kristallisiert sich der Westbahnhof als Hotspot heraus. Dort hat sich in den vergangenen Jahren eine Art U-Bahnstrich etabliert. Prostituierte, die nicht immer gleich als solche zu erkennen sind, werden hier von Freiern angeworben. Meist sind das Frauen aus Serbien oder Bosnien – nicht selten auch Roma.

Unter sie mischen sich nun seit einiger Zeit auch immer häufiger minderjährige Mädchen aus diesen Ländern. Sie sitzen im Zwischengeschoß der U-Bahnen, an warmen Tagen sind sie auch rund um den Ausgang Äußere Mariahilfer Straße zu sehen. Ums Eck, zwischen Felberstraße und Bahnhofsvorplatz fallen bei einem Lokalaugenschein auch junge Afghanen auf, die hier am späteren Abend herumlungern und immer wieder von älteren Männern angesprochen werden, mit denen sie dann für rund eine halbe Stunde verschwinden. Dass es in Wien junge Flüchtlinge gibt, die sich prostituieren, um ihren Familien Geld schicken zu können, ist sowohl der Polizei als auch Sozialarbeitern bekannt.

Junge Afghanen am Westbahnhof. Die „Presse am Sonntag“ lernte vor einem Jahr Karim kennen. Der damals 16-jährige, obdachlose Afghane ging ebenfalls auf den Strich. „Meine Familie wartet auf Geld“, sagte er damals. „Sie haben alles gespart, damit ich herkommen kann. Sie hungern zu Hause, und die Taliban bedrohen sie.“ Seine Eltern und seine zwei Geschwister hatte er damals schon seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Es sind nicht nur seit jeher verrufene Ecken wie der Westbahnhof oder das Stuwerviertel, wo Minderjährige für wenig Geld gekauft werden – auch in noblen Clubs im ersten Bezirk bestellen sich reiche Männer über das Darknet Buben zu ihrem Vergnügen.

Illegale Prostitution

Stuwerviertel. Bis 2011 blühte hier die Straßenprostitution, die dann verboten wurde. Früher war hier auch der sogenannte Baby-Strich – Kinder wurden zur Prostitution gezwungen. Nun keimt das Problem wieder auf.

Westbahnhof. Die an das Bahnhofsgelände angrenzende Felberstraße war lange Zeit eines der meist frequentierten Rotlichtviertel der Stadt. Mit dem neuen Prostitutionsgesetz 2011 flaute die Szene ab – allerdings entwickelte sich hier der sogenannte Hausfrauenstrich in der U-Bahn. Unter die älteren Prostituierten, die meist aus Serbien oder Bosnien stammen, mischen sich nun immer häufiger Minderjährige.