„Okja“: Ein Superschwein und die guten Menschen

Okja, eine neugezüchtete Kreatur, soll die Hungrigen der Welt nähren – und einem Konzern bei der Image-Reparatur helfen. Tierschützer stellen sich in den Weg.
Okja, eine neugezüchtete Kreatur, soll die Hungrigen der Welt nähren – und einem Konzern bei der Image-Reparatur helfen. Tierschützer stellen sich in den Weg.(c) Netflix

KritikDie Netflix-Eigenproduktion „Okja“ ist ab Mittwoch online verfügbar: Das überspitzte, linkspopulistische Hybrid aus Action, Fantasy und Satire ist großes Unterhaltungskino – nur eben nicht im Kino. Weshalb der Film für Kontroversen sorgte.

Wer in letzter Zeit die Liste der anstehenden Netflix-Neuerscheinungen durchgeblättert hat, ist vielleicht über einen Titel gestolpert, der auf wunderliche Weise aus der Reihe tanzt. Schon seinem Kurzinhalt haftet etwas Apartes an: „Ein sanftes riesiges Tier und das Mädchen, das es großgezogen hat, sind im Kreuzfeuer zwischen Tierschutz, Profitgier und Wissenschaftsethik gefangen.“ Das zugehörige Promo-Bild reiht Hauptfiguren auf: Ein koreanisches Mädchen wird flankiert von Tilda Swinton, Paul Dano und Jake Gyllenhaal. Im Hintergrund erkennt man das „sanfte riesige Tier“ – es erinnert an Fuchur, den Glücksdrachen aus der „Unendlichen Geschichte“. Was soll man sich angesichts dessen erwarten? Ein Fantasy-Abenteuer? Einen Jugendfilm? Eine satirische Öko-Parabel? Ein Drama? Eine Groteske? Die Antwort lautet: Alles auf einmal. Und noch ein bisschen mehr.

Der Film, um den es geht, heißt „Okja“ – wie das Tier im Hintergrund. Es ist eine jener Netflix-Eigenproduktionen, die dem Streaming-Riesen zu cinephilem Prestige verhelfen sollen. Die Qualitäts-Offensive begann 2015 mit dem Kindersoldaten-Drama „Beasts of No Nation“. Inzwischen hat es die Firma auch nach Cannes geschafft, wo heuer zwei Netflix-Beiträge im Wettbewerb liefen: Noah Baumbachs Familiengeschichte „The Meyerowitz Stories“ – und „Okja“. Nicht ohne Kontroversen. Denn das obligatorische Zeitfenster zwischen Kino- und Online-Start beträgt in Frankreich drei Jahre: Inakzeptabel für Netflix' Geschäftsmodell. Daher war kein Kinostart für die beiden Filme geplant. Der französische Kinoverband FNCF beschwerte sich beim Festival, künftig müssen Cannes-Anwärter die Leinwand-Präsenz ihrer Wettbewerbsfilme garantieren.

 

Exzentrischer als Tim Burton

„Okja“ selbst wurde von der Kritik durchaus positiv aufgenommen – und tatsächlich ist es die vielleicht interessanteste Netflix-Spielfilmproduktion bisher. Das liegt auch am Regisseur: Bong Joon-ho, ein studierter Soziologe, gehört zu den spannendsten Vertretern der „südkoreanischen Welle“, die Anfang der Nullerjahre über die Festivalwelt hereinbrach. Sein Krimi „Memories of Murder“ etablierte ihn als brillanten Stilisten und beizenden Sozialkritiker. 2013 wagte Bong seine erste internationale Koproduktion, die Comicverfilmung „Snowpiercer“. Ein Erfolg, den der Verleih allerdings nur gekürzt in die Kinos bringen wollte – weil er zu „intelligent“ sei für ein Massenpublikum. Letztlich konnte Bong seine Vision durchsetzen. Doch die Erfahrung trug bestimmt zur Entscheidung bei, mit Netflix zusammenzuarbeiten – stellte ihm der Streamingdienst doch uneingeschränkte kreative Freiheit in Aussicht.

„Okja“ ist in erster Linie großes Unterhaltungskino – aber seine Exzentrizität stellt jene von Hollywood-Wunderlingen wie Tim Burton oder Wes Anderson locker in den Schatten. Der Film beginnt mit einem Image-Event des Nahrungsmittelkonzerns Mirando. Chefin Lucy (Tilda Swinton ganz in Weiß) will den kapitalistischen Moloch in ein sympathisches Bio-Unternehmen verwandeln. Sie setzt ihre Hoffnungen in ein neugezüchtetes „Superschwein“: Es soll den Welthunger ausmerzen – und obendrein „scheiß-gut schmecken“! Für die Produktpräsentation wurde per Wettbewerb ein Prachtexemplar ausgewählt, das in Korea bei einem alten Bauern lebt – doch dessen Enkelin Mija (Ahn Seo-hyun) will Okja nicht so einfach gehen lassen.

 

Anime-artig und zugleich animalisch

Es folgt eine Achterbahnfahrt, die zuweilen völlig abdreht – aber nie langweilig wird. Schon die titelgebende Kreatur fasziniert. Okja ist eine Kreuzung aus Dackel, Nilpferd und Riesenschwein, mit dem knuffigen Charme eines Anime-Zauberwesens. Doch seine animalische Seite wird nicht ausgeblendet: Okjas Bemmerl-Salven sind beachtlich. Als es nach New York verschifft wird, überfallen Tierschützer unter der Leitung des sanftmütigen Jay (Dano) den Transport – eine sensationelle, von treibendem Balkan-Pop angepeitschte Actionsequenz. Die Aktivisten wollen aufdecken, dass hinter der freundlichen Mirando-Fassade weiterhin Abgründe klaffen. Okja soll ihnen dabei helfen.

Seinem Hang zum Karikaturesken gibt sich Bong hemmungslos hin. Er gehört selbst einer seltenen Gattung an: Er ist ein Blockbuster-Linkspopulist, der in „Snowpiercer“ vom Ende des Kapitalismus träumt und in „Okja“ die militante „Animal Liberation Front“ zu schrullig-netten Supergutmenschen stilisiert. Subtil ist an seiner jüngsten Arbeit gar nichts. Jake Gyllenhaal hat noch nie so rabiat outriert wie als TV-Zoologe im Dienste Mirandos. Und wenn Swinton plötzlich als Lucys Zwillingsschwester auftritt (das wahre Gesicht der Firma), gerät der Film endgültig zum Cartoon. Doch dieser bleibt stets mitreißend und unberechenbar, springt abrupt von Slapstick-Humor zu den Schrecken der Massentierhaltung.

Wirklich schade, dass man dieses Unikat voraussichtlich nicht auf der großen Leinwand bestaunen wird dürfen – weder hierzulande noch in Südkorea, wo große Kinoketten den Film boykottieren. Vielleicht bringt das Netflix ja dazu, seine Auswertungs-Strategie zu überdenken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2017)