Gastkommentar

„Heimat, fremde Heimat“: Wie ORF die Realität verzerrt

Anachronistische Sendung hat den gesellschaftlichen Wandel verschlafen.

Der derzeitige Beitrag des ORF zum Thema Diversität und Migration erschöpft sich in einem anachronistischen Programm namens „Heimat, fremde Heimat“ – eine Sendung die in ihrer ganzen Aufmachung mehr einem kommunistischen Instruktionsprogramm der 1950er-Jahre gleichkommt.

Vielleicht hatte sie in ihren Anfängen, als die ersten Gastarbeitergenerationen in den 1970er-Jahren nach Österreich kamen, eine gewisse Berechtigung. Aber der Kulturaustausch der Republik war schon immer vielfältiger als der bloße Influx von Wanderarbeitern – insofern war die Intention damals schon ein Treppenwitz der Geschichte.

Nach über zwei Jahrzehnten hat sich die gesellschaftliche Realität stark verändert: Unter den 1,8 Millionen Menschen in Österreich, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben (21 Prozent der Bevölkerung!), befinden sich hunderttausende, hochqualifizierte Personen aus aller Herren Ländern. Dieser demografische Paradigmenwechsel bietet nicht nur eine Reminiszenz an das Fin de Siècle, sondern zeigt auf beeindruckende Weise, wie gerade Wien neuerlich zum Haupt einer Kulturgroßmacht avancierte.

 

Verzerrtes Bild des Alltags

Der einseitige Fokus auf einen problembehafteten Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bedient nolens volens altbekannte Klischees, Stigmatisierungen und Stereotype. Eine solche mediale Ghettoisierung trägt weit mehr zur Verbreitung von Fremdenhass und Rassismus bei als jede temporäre, verbale Entgleisung zu Wahlkampfzeiten. Gerade im Hinblick auf die eigene Geschichte hätte man an die Wirkungsmacht von Bildern mitdenken müssen.

Die Schwerpunkte der Themenwahl geben auch hier ein absolut verzerrtes Bild der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit wider. Der dauerhaften Verknüpfung von Diversität und Elend haftet ein Geruch ideologischer Bevormundung an – man wähnt sich beinahe in einem Medium, das sich an die Internationale aller Entrechteten wendet.

 

Ein absolut unseliger Titel

Es ist dies ein Perpetuum Mobile der Selbstbesudelung – so, als ob Österreich hinsichtlich seines neugewonnen Humankapitals nichts außer Probleme bekommen hätte! Gerade bei Themen von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz – wie etwa der derzeitigen Flüchtlingskrise – wird zu Lasten von gut recherchierten, kritischen Analysen nur mit emotional aufgeladenen, schon fast hysterisch klingenden Appellen operiert.

Das Programm heizt eine ohnehin gespaltene Gesellschaft noch mehr auf – und das zu Lasten jener, die am meisten darunter zu leiden haben. Wahrlich keine Sternstunde für den ORF!

Zu guter Letzt noch der absolut unselige, enervierende Titel: „Heimat, fremde Heimat“. Der Anschluss an die neue Heimat wird gleich vorweg in Frage gestellt, ein kulturelles Purgatorium als Normalität verkauft und zuletzt eine Entfremdung suggeriert. Nicht einmal ein gestrandeter Flüchtling, der frohen Mutes in seine neue Zukunft blickt, würde sich zu einer solchen Phrase hinreißen lassen!

Was kann man also nach fast 30 Jahren bei einer solchen Sendung annehmen, wenn wider besseres Wissens nie eine Veränderung gewünscht war? In Anlehnung an den Hauptprotagonisten Virgil Tibbs aus „In the Heat of the Night“ kann man nur davon ausgehen, dass jede Gesellschaft ihre „social underdogs“ zu brauchen scheint. Von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt hätte man mehr Mut zur Aufklärung erwarten können, abseits machiavellistischer Sottisen.

Oliver Cyrus, studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaften und ist derzeit an der Universität Wien wissenschaftlich tätig.

 

E-Mails an: debatte@diepresse.com