Das Ottakringer Sammelsurium des Herrn Kleina musste der Zeit weichen – ein fröhlicher Lokalaugenschein in der Vergangenheit.
Die Weinschenke Erich Kleina ist, wenn überhaupt, nur in detaillierten Wien-Guides zu finden gewesen. Kleina war kein Heuriger, den man regulär besuchen konnte. Das lag an Herrn Kleina selbst, dem Chef und einzigen Mitarbeiter. Er war ziemlich unberechenbar. Dennoch führte er, wenn er gerade daheim war, einen offiziellen Wiener Gastronomiebetrieb, mit Tischen im Garten, welcher die Attraktion darstellte: eine Halde bunter Gebrauchsgegenstände aus Eisen und Alumi-
nium. Wer Herrn Kleina besuchen wollte, wählte seine Festnetznummer und teilte ihm die Anzahl von Personen und die Uhrzeit mit, möglichst, wenn der Wirt jüngst „einen Wein aus dem Burgenland“ geholt hatte.
All das war u. a. am 28. Juli 1999 der Fall. Die Balwin, mit der ich ungefähr alle fünf Jahre
telefonierte, hatte die Idee gehabt, weil, wie sie meinte, solche romantischen Orte zum Aussterben verurteilt seien. Die Balwin war eine „alte“ Frau, eine Freundin meiner Eltern, die ich seit meiner Jugend kannte. Ganz so alt war sie eh noch nicht, aber immerhin alt genug, um in grauer Vorzeit „mit dem Okopenko verheiratet“ gewesen zu sein, mit dem sie weiterhin in gutem Einvernehmen stand.
Wir trafen uns in der Wilhelminenstraße, an der steilsten Stelle der Auffahrt. Die Balwin war gekommen, der Okopenko ebenfalls – und aus irgendeinem Grund auch der Arzt vom Okopenko. An diesem milden Sommertag betraten wir den Garten von Herrn Kleina, der uns Weißwein servierte. In seiner Küche schenkte er die Viertelgläser, aus einem Doppelliter, bis zum Rand voll und trug sie, er schwankend, sie tropfend, in den Vorgarten. Unglaublich: Aus alten Kneissl-Skiern, roten Tortenformen, Radkappen, Schildern, Gartenzwergen, ausrangierten Schirmen, einem schulterhohen Plastikpferd, Puppenköpfen, Motorradhelmen und einem orangefarbenen Auto hatte Herr Kleina eine gartengroße, begehbare Installation verfertigt – eine Mischung aus Trash-Art und Messie-Paradies.
Ich erinnere mich kaum noch an die
Gesprächsthemen, aber es sollte ein wunderbarer Nachmittag werden. Die Balwin war lustig, der Okopenko recht heiter, und wahrscheinlich war auch der Arzt vom Okopenko gut gelaunt. Eine Besonderheit dieser Weinschenke bestand darin, dass sich Herr Kleina persönlich zu uns setzte, mit uns anstieß und blieb. Ein Teil des Gesprächs drehte sich um die Probleme, die Kleina mit seinen neureichen Nachbarn hatte, die ein derartiges Sammelsurium im Vorgarten nicht ertrugen und ihn für einen verwahrlosten Spinner hielten.
Fünf Jahre danach rief ich die Balwin wieder an. Aber sie hob nicht ab. Später erfuhr ich, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben gewesen war und nie mehr abheben würde. Jedesmal, wenn ich die Wilhelminenstraße hinauffuhr, beruhigte mich, dass Herrn Kleinas Trash-Art noch da war. Aber irgendwann, im Herbst 2009, fand ich den Vorgarten leer vor, kahl, ausgemistet.
Der Herr Kleina ist jetzt also weg.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder per Fax: 01/514 14-277.