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Irland: Neuer Bericht über Missbrauch in Kirchen

(c) AP (Peter Morrison)

Die Untersuchung behandelt den Zeitraum 1975 bis 2004 und enthält detaillierte Anschuldigungen gegen 46 Priester. Die Erzdiözese Dublin will 20 Mio. Entschädigung zahlen.

London/Dublin. Sechs Monate nach Vorstellung des Ryan-Berichts über Kindesmissbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche in Irland erschüttern neue Enthüllungen die Insel: In der Erzdiözese Dublin, der größten des Landes, war die Misshandlung von Kindern offenbar nicht nur weit verbreitet, sondern auch wohlbekannt. Dennoch haben nicht weniger als vier Erzbischöfe jahrzehntelang eisern zu den Verbrechen geschwiegen, wie ein gestern, Donnerstag, von der irischen Regierung veröffentlichter Bericht darlegt.

Die Untersuchung behandelt den Zeitraum 1975 bis 2004 und enthält detaillierte Anschuldigungen gegen 46 Priester. Misshandlungen unter Verwendung des Kruzifixes, sexuelle Belästigung im Beichtstuhl, Erzwingen sexueller Handlungen unter Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses: Weder Knaben noch Mädchen waren sicher, Hunderte von ihnen wurden zu Opfern. Dennoch hat die Kirche erst 1995 die Polizei eingeschaltet. „Zu lange haben wir alle die Kirche als eine göttliche Institution gesehen“, schreibt die „Irish Times“ in einem ernüchterten Kommentar.

Der heutige Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, der die Untersuchung unterstützt und sämtliche Archive öffnete, sagte zu dem Bericht: „Die Ergebnisse sind für uns alle schockierend.“ Aus der Regierung, die traditionell ein Nahverhältnis zur katholischen Kirche hat, hieß es: „Die Erzdiözese hat sich absolut abstoßend verhalten. Sie hat sich nur um ihre eigenen Interessen gekümmert, nie um die Opfer.“ Aufgrund der Untersuchungen sind nach Polizeiangaben derzeit 36 Strafverfahren gegen Priester anhängig. Viele sind aber längst gestorben, ohne je belangt worden zu sein.

 

Kirchenaustritte steigen

Die Kirchenoberen in Dublin wollen 20 Millionen Euro Entschädigung anbieten. Noch tiefer in die Tasche greifen die umstrittenen Christian Brothers: Die im Ryan-Bericht schwer angegriffene Bruderschaft hat ihren Opfern 161 Mio. Euro angeboten. Die Brüder haben auch vor, Grundbesitz an Schulen abzutreten. Zugleich räumten sie in einer Stellungnahme ein: „Nichts, was wir sagen oder tun, kann ungeschehen machen, was geschehen ist.“

So sehen das auch viele Iren. In dem streng katholischen Land steigt die Zahl der Kirchenaustritte, wozu die Iren erst seit 2006 berechtigt sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2009)