Dienstleister statt Geldschöpfer

Es ist dringend nötig, die Grenzen der Freiheit der Finanzwirtschaft neu zu bestimmen. Die Banken müssen wieder der Realwirtschaft dienen.

Der kumulierte Schaden, den die Finanzmarktkrise seit ihrem Ausbruch im Sommer 2007 angerichtet hat, kommt bis heute der globalen Wertschöpfung eines ganzen Jahres gleich. Es genügt ein Blick auf das nach wie vor geschwächte Bankensystem und eine angeschlagene Realwirtschaft, um zu wissen, dass zwar das Ärgste, aber wohl noch lange nicht alles vorbei ist. Die Erholung der Weltwirtschaft wird – trotz der asiatischen Sonderkonjunktur – nur langsam vorangehen.

Auch wenn der vorübergehende Börsenboom Teile der Finanzwirtschaft wieder dazu verleitet, an die Spieltische des „Casino-Kapitalismus“ (Hans-Werner Sinn) zurückzukehren und dort nach den gleichen Regeln weiterzuspielen, die uns den Kollaps der Finanzmärkte beschert haben: Es besteht wohl kein Zweifel mehr daran, dass hinter einer Krise dieser Dimension systemische Ursachen stehen, die nicht mit markttypischer Volatilität oder als bloße Folge des „irrationalen Überschwangs“ (Robert Shiller) der Marktteilnehmer erklärbar sind.

Mit dem Wissen von heute haben wir die dem Finanzsystem zugrunde liegenden Spielregeln fundamental infrage zu stellen – auch wenn sie bis zum Ausbruch der Finanzmarktkrise im Rang unbestreitbarer Glaubenssätzen standen.

Aufeinanderprallen von Kulturen

Eigentlich hätte ja schon die Krise der „New Economy“ ab dem Sommer 2000 als Warnung dienen können. Sie zeigte nämlich schon alle Elemente einer systemischen Entgleisung und einer unheilvollen Ansteckungswirkung von Finanzkrisen auf die Realwirtschaft. Schon damals war erkennbar, dass es zu einem bedrohlichen Aufeinanderprallen der angloamerikanischen mit der traditionellen kontinentaleuropäischen Finanzierungskultur kommen musste.

In der kontinentaleuropäischen, am (Universal-)Bankensystem orientierten Finanzierungskultur lauteten die vorherrschenden Prinzipien Gläubigerorientierung und daher vorsichtige Bilanzierung (Anschaffungs- bzw. Niedrigstwertprinzip), Bildung stiller Reserven, enge Verschränkung mit der Realwirtschaft, langfristige Ausrichtung und daher langfristige Management-Incentives.

In der angloamerikanischen, an den Kapitalmärkten orientierten Finanzierungskultur dominieren hingegen Anlegerorientierung und Shareholder-Value-Prinzip, Bilanzierung nach Marktwertmethoden, sofortige Wertrealisierung, kurzfristige Managementbonussysteme (Aktienoptionen, Messung am „Return on Equity“), entsprechend kurzatmige Ausrichtung von Unternehmensstrategien und letztlich Entfernung von den Bedürfnissen der Realwirtschaft.

Durch Marktbewertungen entstehen im Wege von Werterhöhungen Scheingewinne, die zum Ausweis von erhöhtem Eigenkapital und damit einer gesteigerten Verschuldungskapazität der Banken führen. Deren höhere Verschuldungsbereitschaft führt zu Preissteigerungen bei den angeschafften Gütern und damit wiederum zu erhöhten Marktbewertungen – mit weiterer Ausweitung der Spielräume für Bankenneuverschuldung.

Dieser wundersame (Buch-)Geldschöpfungsmechanismus wurde von den Notenbanken und Finanzmarktaufsichten dieser Welt ebenso weitgehend ignoriert wie das unkontrolliert wuchernde Volumen der Kreditderivate. Während sie damit beschäftigt waren, die Verbraucherpreisinflation unter Kontrolle zu halten, entging ihnen die Herausbildung einer gigantischen Finanzmarktblase, deren Platzen nun die Realwirtschaft mit voller Wucht trifft.

Doch die Bilanzierungsmethoden waren nicht der einzige Treibsatz des Aufschwungs. Obwohl die auf Marktbewertungen beruhenden Scheingewinne das echte Eigenkapital gegenüber den laufend erhöhten Fremdmitteln immer kleiner werden ließen, wurde den Banken mit den Eigenmittelvorschriften von Basel II noch ein weiterer starker Anreiz zu überbordender Buchgeldschöpfung an die Hand gegeben.

Zum Nutzen der Ratingagenturen

Schon die Aussicht darauf, im Rahmen der nun praktizierten „Risikogewichtung“ für erstklassig geratete Veranlagungen (Assets) nur mehr wesentlich geringere Eigenmittel vorhalten zu müssen, löste einen Run in gut geratete Wertpapiere aus, begünstigte die Flucht in unregulierte Schattenbanken und führte zu immer kühneren Versionen sogenannter „synthetischer“ Wertpapiere.

Diese stellten den im Modellversuch bestechenden, in der praktischen Anwendung aber trotz vielversprechender Anfänge letztlich drastisch gescheiterten Versuch dar, Risken zu Wertpapieren zu bündeln und innerhalb dieser gebündelten Risken nach abgestuften Ausfallswahrscheinlichkeit mit Ratingnoten zu bezeichnen und damit global handelbar zu machen. Heute wissen wir, dass hinter den Berechnungen der Ausfallswahrscheinlichkeiten einzelner Risikoschichten synthetischer Wertpapiere fehlerhafte statistische Methoden standen, die fälschlicherweise zu höheren Bonitätsbeurteilungen führten – meist zum Nutzen der mit diesem Geschäftsfeld zuletzt fast die Hälfte ihrer Erträge erzielenden Ratingagenturen.

Vor dem Ausbruch der Krise waren ganze vier amerikanische Unternehmen mit der hervorragenden Ratingnote AA ausgestattet, während gleichzeitig über 4000(!) synthetische Wertpapiere aufgrund ihrer vermeintlichen Ausfallssicherheit diese Topbewertung erhielten. Eben diese bewertungstechnische Fehleinschätzung verstärkte vor dem Hintergrund der allgemeinen – auch von den Regulatoren forcierten – Ratinggläubigkeit den Investitionsboom in synthetische Wertpapiere. Dabei handelte es sich bei dieser Produktkategorie um eine Finanzinnovation, die bis dahin noch keinem wirklichen Markttest ausgesetzt worden war.

Wertschöpfung vor Geldschöpfung

Mit dem Ausbruch der Krise wurden abrupt für synthetische Wertpapiere keine Preise mehr gestellt, die Märkte wurden illiquid, Refinanzierungen für außerbankliche Sondergesellschaften blieben aus, die Wertansätze in den Bankbilanzen waren drastisch zu reduzieren.

Die in der Folge im Verhältnis zur Bilanzsumme immer dünner werdende Eigenmitteldecke der Banken ist nun, nach dem Schock der Lehman-Pleite, in der doppelten Abwärtsspirale von Marktabwertungen und Ratingverschlechterungen krisenhaft knapp geworden und hat den größten jemals notwendigen Einsatz öffentlicher Mittel zur Rettung von Banken ausgelöst.

Erst heute, nach dem Erwachen aus der Bewertungsillusion, wird klar, dass die nachhaltig auf den Finanzmärkten erzielbare Rendite nicht höher sein kann als jene in der Realwirtschaft. Spekulative, vorübergehende Wertüberhöhungen werden im Abschwung durch umso drastischeren Wertverfall mehr als ausgeglichen, die extreme Volatilität gefährdet nicht nur die privaten und institutionellen Anleger, sondern letztlich die gesamte Realwirtschaft.

Es ist deshalb unabdingbar, die Grenzen der Freiheit der Finanzwirtschaft neu zu bestimmen. Dazu bedarf es schmerzhafter Korrekturen an verfehlten Systemelementen und einer Wiedereinsetzung des Bankensystems in die Rolle eines Dienstleisters der Realwirtschaft. Die richtige Reihenfolge muss wieder lauten: Wertschöpfung vor Geldschöpfung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2009)

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