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Wettskandal erreicht Graz: „Eine Verwechslung“

(c) Gepa (Christian Ort)
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Hausdurchsuchung bei Grazer Firma. Geschäftsführer soll Kontakt zu Hauptverdächtigen gehabt haben.

GRAZ. Es klingt vielversprechend: „Mit Runningball Consulting gelingt es Ihnen, das scheinbar Unmögliche zu bewerkstelligen: Sie bieten Ihren Kunden ein deutlich attraktiveres Angebot und höhere Quoten, gleichzeitig können Sie aber Ihre Einnahmen im Bereich der Livewetten steigen (sic!).“ So wirbt die „Runningball AG“ auf ihrer Homepage.

Jetzt ist eine österreichische Tochtergesellschaft der Schweizer Holding (mit Sitz in Zug und Töchtern in Portugal, Zypern, Malaysia und Österreich) ins Visier der Justiz geraten. Bei der „Runningball Sports Information GmbH“ in Graz haben im Zuge der Ermittlungen im Fall des internationalen Fußball-Wettskandals Hausdurchsuchungen stattgefunden. Sowohl im Geschäftslokal in der Grazer Triester Straße als auch im Büro von Geschäftsführer Gerhard Pittner sowie dem Privathaus seines Adoptivsohns Hans Thomas Gross hat die Polizei auf Ansuchen der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Bochum nach verdächtigen Unterlagen gesucht. Mitgenommen wurden außer einem Computer und „ein paar Schmierzetteln“ nichts, sagt Pittner. Der Grazer Wirtschaftstreuhänder trat gestern nach Bekanntwerden der Ermittlungen mit seinem Anwalt Peter Bartl an die Öffentlichkeit. Gross fehlte. Er weile „aus geschäftlichen Gründen im Ausland“. Der konkrete Aufenthaltsort soll laut Bartl nicht bekannt sein.

 

Strenge Kontrolle

Pittner wies indes sämtliche Anschuldigungen vehement zurück. Weder kenne er die drei Personen (Maria Cvrtak, Ante Sapina, Dragan Mihelic), gegen die in Deutschland ermittelt wird, noch würde die „Runningball“ manipulierte Spieldaten weiterleiten oder sei selbst im Wettgeschäft aktiv. Vielmehr biete man nur Daten von Spielen an – „durch einen mehrstufigen Kontrollmechanismus abgesichert“, wird versichert. So werden die Spiele auch aufgezeichnet, Supervisor überprüfen die Scouts, Obersupervisor die Supervisor: „Besser kann man Daten nicht liefern“, ist Pittner überzeugt. Ob es möglich sei, dass Daten um Augenblicke zu spät weitergeleitet werden könnten, während illegale Wetten gemacht werden? Pittner: „Wir liefern zu 99 Verlässlichkeit.“

Geschäftsgegenstand sind statistische Daten und Fakten von Fußballspielen aus europäischen Ligen (bis zur dritten, vierten Spielklasse), aber auch die Europa und Champions League. Die Daten stammen von rund 1000 Scouts, die in den Stadien sitzen und Eckbälle, Einwürfe, Schüsse, gelbe und rote Karten, Tore, Freistöße et cetera digital an die Zentrale in Graz liefern, wo sie von 60 Mitarbeitern geordnet und aufbereitet werden. Über die Mutterholding in der Schweiz gehen sie dann an die Wettanbieter und Buchmacher weltweit. Ein gutes Geschäft. Zuletzt erwirtschaftete laut Pittner der Standort Graz einen Umsatz von vier Millionen Euro. Tendenz steigend. Seit der Gründung des Unternehmens 2007 wurden so rund 50.000 Spiele betreut.

Entwickelt wurde die Software von Hans Thomas Gross. „Er ist sehr begnadet in EDV-Angelegenheiten“, lobt Pittner seinen Adoptivsohn. Dennoch hat er sich zuletzt aus der Geschäftsführung in Graz zurückgezogen und ist in den Verwaltungsrat der Schweizer Muttergesellschaft gewechselt.

 

Kontakt zu Hauptverdächtigen?

Die von den deutschen Behörden geäußerten Verdächtigungen, Gross hätte mit dem Hauptverdächtigen „Dragan“ (mittlerweile verhaftet) mehrmals telefonischen Kontakt gehabt, kann sich Pittner nicht erklären. „Da liegt eine Verwechslung vor“, ist er überzeugt. Sein Sohn sei in der „Szene“ nicht als der gesuchte „Thomas“ bekannt. Welcher der richtige Gesuchte sei und unter welchem Spitznamen Gross bekannt sei, wollte Pittner (noch) nicht verraten. Auch die Staatsanwaltschaft und Polizei in Graz wollen zum laufenden Verfahren nichts sagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2009)