Marco Lulic wird heute in Salzburg für sein „Modell postrevolutionärer Spielplatz“ ausgezeichnet. Ein Gespräch über Köpfe und Kreuze.
„Die Presse“: Sie haben sich für den Kardinal-König-Preis selbst geopfert, auf dem Podest liegt Ihr Kopf! Was tut man als Künstler eigentlich alles für einen Preis?
Marco Lulic: Stimmt, so könnte man es auch lesen! (Lacht.) Aber ich muss Sie enttäuschen, die Arbeit entstand schon vorher, für die Ausstellung „Pressspanplatten für den Frieden“ im Kunstverein Heilbronn 2007.
Also nicht den Kopf abgehackt für Kardinal König. Können Sie die Arbeit kurz erklären?
Lulic: Zu sehen sind ein Kopf und eine Hand, eine Denkerpose, seitlich auf den Sockel gelegt, der auch zur Arbeit gehört. Die Arbeit ist aus Gips, metallisch lackiert, also ein Fake, wie der Sockel, der aus Sperrholz ist, aber mit Teakholzöl eingelassen ist. Dieses Spiel habe ich bei früheren Denkmälerthematisierungen gespielt – das echte Denkmal ist heroisch, monumental, mein Nachbau ist kleiner, zerbrechlicher. Dazu kommt hier die Selbstironie – ich hätte ja auch einen abgeschlagenen Lenin- oder Stalin-Kopf nehmen können. Mir gefiel aber die Idee des Künstlerselbstporträts als gestürzter, gekillter Diktator.
Also ist es nicht biografisch zu lesen – als Denkmal einer verzweifelt-grüblerischen postrevolutionären Generation etwa? Sie sind ja in Kroatien aufgewachsen...
Lulic: Nein, dagegen habe ich mich immer verwehrt. Ich bin schon mit sechs Jahren nach Wien übersiedelt. Der minimale Vorteil meiner Herkunft setzt erst 1999/2000 ein, als ich begann, mich wieder mehr mit Kultur aus dieser Region zu befassen. Künstler aus dem sogenannten ehemaligen Osten begannen erst später, um 2005, die kommunistische Bildersprache aufzuarbeiten. Ich war also früher dran – nicht weil ich genialer wäre, aber ich konnte durch den Sprachvorteil schneller eintauchen als andere damalige EU-Künstler. Und im Vergleich zu meinen Kollegen aus der Region war ich eben nicht biografisch belastet, ich hatte eine Halbaußenposition.
Da verfolgt Sie also eher der Fluch des zufälligen Geburtsorts – wie Peter Weibel, der eben mit Odessa leben muss. Interessant ist, dass Sie Monumente zwar kritisieren, aber auch selbst welche schaffen. 2008 etwa das „Denkmal gegen den Mythos des ersten Opfers“ am Wiener Mexikoplatz, wo Sie die monumentale Zahl 99,73 aufstellten, das Ergebnis der Volksabstimmung 1938.
Lulic: Das ist schon wieder weg, es war nur temporär, auch so konzipiert. Vom Statischen her hätte man es behalten können, ich habe es auch angeboten. Aber es gab kein großes Interesse daran. Es wurde demoliert – das habe ich gefilmt, daraus mache ich einmal eine Videoarbeit.
Sie bekommen eigentlich recht viele Preise in letzter Zeit – den Krupp-Preis, den Werkstattpreis der deutschen Kunststiftung Erich Hauser, jetzt den Kardinal-König-Preis – pures Establishment also. Sie sind ja auch Assistent in der Malereiklasse von Daniel Richter an der Wiener Akademie der bildenden Künste, derzeit recht revolutionär tätig, die Aula ist noch immer besetzt. Gibt es da keine Diskussionen?
Lulic: Gar nicht, eigentlich freuen sich alle mit mir. Und ich freue mich auch über jeden Preis – wie die meisten Kollegen. Außerdem bin ich zumindest offiziell katholisch, ich habe einen katholischen Vater, eine orthodoxe Mutter. Kardinal König hat sich ja sehr für die Ökumene eingesetzt – insofern bin ich sozusagen die fleischgewordene – das Kind der praktizierten – Ökumene.
Auch beim Otto-Mauer-Preis bemerkt man an den immer recht knappen Dankesworten aber meistens, dass diesen Künstlern nicht viel zur Kirche einfällt.
Lulic: Ich werde schon ein wenig mehr sagen– trotz all meiner Kritik an der Kirche finde ich, dass der Preis ein schönes Zeichen dafür ist, dass es Teile in der Kirche gibt, die die Kommunikation mit der Gegenwartskunst suchen. Ich bin kein großer Kirchengänger. Aber der Religionsunterricht war für mich eine der besten Rhetorikschulen. Ich habe jahrelang mit meiner Lehrerin zu streiten gelernt. Interessant ist für mich, dass die Frauen in meiner Familie immer Wert auf Religion legten, die Männer aber zwischen agnostisch und atheistisch pendelten.
Und Sie? Pendeln Sie jetzt auch?
Lulic: Wir pendeln doch alle heute.
Zum Schluss die aktuelle Kardinalsfrage: Kreuze in den Schulzimmern ja oder nein? Als Bildhauer könnten Sie doch zumindest eine Alternative vorschlagen!
Lulic: Mir fällt jetzt keine Lösung ein, damit habe ich mich nie beschäftigt. Aber die Diskussion um das Kreuz ist ja nur die plakative Spitze eines viel komplexeren Hintergrunds. Der reicht vom nicht aufgearbeiteten Rassismus der 60er- und 70er-Jahre bis zu den Multikultiproblemen in den 90er-Jahren. Damals wurde die Immigration hier erstmals wirklich bunt, wofür dieses Land, im Gegensatz zu anderen, die das als Kolonialländer gewohnt waren, noch nicht bereit war.
AUF EINEN BLICK
■Marco Lulic, 1972 geboren, wuchs in
Wien und Kroatien auf. Er studierte an der Kunstakademie und der Angewandten, seit 2009 unterrichtet er an der Akademie.
■Der Kardinal König Kunstpreis wurde 2005 gegründet, er wird heute von Erzbischof Alois Kothgasser in St. Virgil in Salzburg verliehen. [Christina Repolust]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2009)